Steht seit nunmehr einem Jahr auf dem Selbalder Platz in Nürnberg: Das Klimacamp
© Andrea Munkert
feine Stadt

Wie ist das Campleben? Klimacamp Nürnberg wird ein Jahr alt

Ein Jahr ist es jetzt her, dass eine Gruppe engagierter, größtenteils junger Klimaaktivisten aus der Region ihre Zelte am Sebalder Platz aufgeschlagen hat. Und sie ist geblieben. Bislang 365 Tage. Doch: Wie lebt es sich in dem Camp mitten in Nürnbergs Innenstadt?

Morgens um kurz nach halb elf duftet es im Camp nach Bratkartoffeln, Zeit fürs Frühstück für die Nachtschicht, die sich erst kurz vorher aus dem Lager gerollt hat. In der provisorischen Küche fällt das Messer durch die Paprika aufs Brett. Der Wasserkocher dampft. Im Café-Zelt liegt eine Wärmflasche bereit.

Frühstückszeit im Klimacamp Nürnberg
Andrea Munkert

Während zwei Leute sich im Inneren des Nürnberger Klimacamps am Sebalder Platz stärken, hält Aktivist Erdmarder die Stellung am Info-Eck mit Sicht auf das Alte Nürnberger Rathaus, an dem Du Dich nicht nur über die Forderungen und Ziele der Klimacamper in Kenntnis setzen lassen kannst, sondern zum Beispiel auch verschiedene Listen mit Deiner Unterschrift versehen kannst, um diverse Anliegen zu voranzubringen.

Hier wird nicht nur mit Lebenszeit für mehr politischen Einsatz gegen Klimawandel demonstriert, Fakten und Forderungen kannst Du Dir von den Aktiven ebenfalls holen.
Andrea Munkert

"Das Rathaus kitzeln"

Bereits am Rathaus weist ein Schild auf das Klimacamp hin, das von dort aus nur einen Katzensprung entfernt ist. Und das nicht ohne Grund: Das Camp soll gezielt das "Rathaus kitzeln", wie sich Pressesprecher Erik Stenzel ausdrückt. Eine Erinnerung an die gesteckten Klimaziele der Politik. Der Slogan der Aktivisten und Aktivistinnen klingt wie eine Kampfansage: "Wir bleiben, bis ihr handelt!" Insbesondere geht es ihnen darum, dass die Stadt Nürnberg ihren Teil zum Einhalten des Pariser Klimaabkommens beiträgt und darin eine Vorbildfunktion erlangt.

Rückblick: Aufbau der Klimacamps am 3. September 2020
Stefan Hippel, NN

Eine der Hauptfragen der Aktivistinnen und Aktivisten, erklärt Erdmarder, ist die nach der Klimagerechtigkeit, die unter anderem Lösungen beinhaltet, wie die bereits vorhandenen negativen Auswirkungen des Klimawandels sozial gerecht verteilt werden - also zum Beispiel nicht nur Menschen in ärmeren Ländern betrifft.


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Ein gewachsenes Provisorium: Die Küche im Klimacamp Nürnberg.
Andrea Munkert

Immer mindestens zwei Leute im Camp

"Räumlich gesehen sind wir eine Mischung aus Zeltlager und Demonstration", erklärt Erik Stenzel, der inzwischen mit einem eigenen Projekt, dem Klimazirkus, für mehr Einhaltung zum Klimaschutz aktiv ist. Im vergangenen Jahr haben die Klimaaktivisten sich die Nächte bei Minusgrade um die Ohren geschlagen, während des Lockdowns ausgeharrt, Demonstrationen organisiert und das Camp 365 Tage, 24 Stunden lang, besetzt. Denn um von einer Versammlung sprechen zu können, müssen immer mindestens zwei Leute im Camp sein: eine Versammlungsleitung und ein Teilnehmender. "Es ist nicht immer einfach die Schichten zu besetzten", weiß Stenzel, der seit Anfang an dabei ist, "grade jetzt in der Urlaubszeit und wenn viele andere Aktionen stattfinden".


Guide: So einfach plastikfrei leben


Doch sie haben es geschafft, jeden Tag und jede Nacht zwei Menschen zu finden, die das Camp besetzen. Bereits seit Mai ist das Klimacamp "die längste politische Versammlung ist, die es in Nürnberg je gegeben hat", erklärte Stenzel in einer Pressemitteilung. Und die packt Menschen, die etwas für das Klima tun wollen, quer durch alle Generationen - "von 13 bis 76 Jahren", sagt der 36-jährige Erdmarder.

Kommunikation in das A und O im Klimacamp.
Michael Matejka, NN

Natürlich wird im Camp viel diskutiert, über den Klimawandel, die politischen Einstellungen dazu, die nötigen Handlungsweisen, um Nachhaltigkeit. "Dafür haben wir auch feste Zeiten im Plenum - da geht es auch um Interna, Planungen zum Beispiel", erzählt Aktivistin Nacho, "wir sprechen natürlich auch über Privates. Doch Debatten sind auf jeden Fall wichtig, um ins Gespräch zu kommen oder zu bleiben."

Wichtige Hinweise fürs Zusammenleben und ein wenig Spaß gehören zum Camp-Leben dazu.
Andrea Munkert

Nacho, 21 Jahre jung, ist seit exakt 23. April im Klimacamp aktiv. "Ich war genau sieben Tage in Nürnberg und habe mich angedockt", erinnert sie sich. "Mir ist wichtig, dass das Klima im Camp gut ist, schließlich wollen wir ja gemeinsam für die Sache ein- und auftreten." Jeden Tag ist sie, die Soziale Arbeit studiert, hier und trägt ihren Teil bei - obwohl sie mit ihrem Dualen Studium gut ausgelastet ist. "Viele Leute nutzen unser Büro als Home Office - und arbeiten während ihrer Schicht", berichtet Erdmarder.

Wie lange man bleibt, entscheidet jeder selbst

Für das Aufrechterhalten dieses Status als Versammlung gibt es keine festen Schichten im herkömmlichen Sinn. Mittels der sozialen Netzwerke können sich die Aktivisten in eine Liste eintragen. Dabei ist zeitlich zwischen einer Stunde und 48 Stunden alles möglich und auch schon vorgekommen. So kommen am Ende einer Woche zwischen 30 und 60 Leuten zusammen, die sich die Schichten im Klimacamp aufgeteilt haben. Insgesamt sind zwischen 200 und 300 Menschen aktuell am Klimacamp aktiv und passiv beteiligt, schätzt der Pressesprecher. Generell handelt es sich dabei um eine "große, lose und heterogene Masse", erklärt Stenzel.

Alles an einem Platz - eine Matratze und diverse Utensilien finden sich im Büro-Zelt im Klimacamp.
Andrea Munkert

Deswegen versorgt sich jeder für seine Schichten grundlegend selbst mit Essen, Trinken, Schlafsäcken und Isomatten - Vereine bringen gerettetes Essen, die Nachbarn auch mal einen Kuchen. In der Küche hängen Hinweise, dass zum Beispiel über die Annahme Fleisch die Versammlungsleitung entscheidet. Ist nicht nur ein klimaschutzrechtlicher Punkt, sondern auch schlichtweg einer der Lagerung. Urig sieht es hier insgesamt aus - und nach Arbeit: In der großen Jurte liegen Banner zusammengerollt in einem Einkaufswagen, Stühle liegen zusammengefaltet aufeinander. Trotzdem sollen die Nachtschichten so gemütlich wie möglich sein: Zwei Ledersofas und eine Matratze (im Büro-Zelt) bieten die Möglichkeit sich eine Nase Schlaf zu holen.

Großer Zuspruch aus der Bevölkerung

Für die nötigsten körperlichen Bedürfnisse gibt es fließendes Wasser im Haus Eckstein der evangelischen Kirche direkt um die Ecke und ein DIXI-Klo. Doch damit ist natürlich auch ein Kostenfaktor verbunden. Das Klo muss vier Mal im Monat für 150 Euro geleert werden. Dazu kommen Fixkosten, wie der Internetzugang. Im Café-Zelt liegt ein Sammelsurium an Handy-Ladekabeln. Denn zum wesentlichen Bestandteil der Dauermahnwache am Sebalder Platz gehört die Kommunikation nach außen, oft und viel über die Sozialen Netzwerke. "Wir erhalten viel Zuspruch aus der Bevölkerung", sagt Stenzel, der hauptberuflich Liedermacher und Musiker ist. So können all diese Kosten über Spenden gedeckt werden. Doch nicht nur übers Internet wird kommuniziert. Jeder kann im Camp vorbeischauen, um sich über klimapolitische Fragen auszutauschen und über das Camp zu informieren. "Uns ist es wichtig, in Kontakt mit den Menschen zu kommen", erklärt Erik Stenzel.

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Eine gute Gelegenheit hast Du dafür am 3. September, wenn das Klimacamp sein einjähriges Bestehen feiert. Ab Mittag wird es verschiedene Aktionen dort geben - zum Beispiel eine Kleiderbörse, vielleicht Sets von DJanes, die bei Fridays for future aktiv sind. "Wir wollen spielerisch an die Themen des Klimawandels herangehen", stellt Erdmarder in Aussicht.

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Andrea Munkert/Sophie Neukam