Durch die Katholische Kirche geht ein Ruck: 125 Mitarbeiter:innen haben sich in einer beispiellosen Aktion als queer geoutet. Bislang müssen sie damit rechnen, ihren Job zu verlieren, wenn sie in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben oder gleichgeschlechtlich lieben. 
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25.01.2022, 10:45 Uhr

"Was für ein Mut!": Queere Katholik:innen kämpfen für Rechte und gegen Homophobie

In der katholischen Kirche kann es eine(n) den Job kosten, wenn man sich zum Beispiel zu einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft bekennt. Dagegen protestieren jetzt 125 queere Beschäftigte. Und es scheint sich was zu tun.

In einer bisher beispiellosen Aktion haben sich 125 Priester und andere Beschäftigte der katholischen Kirche als queer geoutet und eine Reform des Arbeitsrechts gefordert. "Die Gemeindereferentin, die ihre Freundin heiraten will, verliert ihren Job", sagte Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm der Deutschen Presse-Agentur. Das könne im Jahr 2022 unmöglich so bleiben.

Die Deutsche Bischofskonferenz freute sich fast über die Initiative und fand überraschend deutliche Worte. "Ich möchte das im Namen der Deutschen Bischofskonferenz begrüßen als ein Zeichen dafür, dass wir daran arbeiten, dass ein solches Klima der Angstfreiheit in unserer Kirche herrschen muss und entstehen muss", sagte der Aachener Bischof Helmut Dieser am Rande von Beratungen des Ständigen Rates der Bischofskonferenz in Würzburg.

Keine Diskriminierung wegen sexueller Orientierung

Niemand dürfe wegen seiner oder ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität diskriminiert, abgewertet oder kriminalisiert werden. "Wir haben ein Menschenbild, das uns sagt, dass die Person unbedingt von Gott geliebt ist."

Als queer bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

Die Aktion mit dem Namen "#OutInChurch Für eine Kirche ohne Angst" fand am Montag allgemein große Zustimmung. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) sagte, niemand dürfe wegen seiner oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden. Dem müsse auch die Kirche als einer der größten Arbeitgeber in Deutschland Rechnung tragen. "Was für ein Mut!", twitterte Sven Lehmann (Grüne), der Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Prominente Unterstützung von Carolin Kebekus

Carolin Kebekus zeigte sich ebenfalls begeistert: "Diese tolle Initiative hat mich so ins Herz getroffen", sagte die Komikerin, die sich in ihren Sendungen oft mit der Kirche beschäftigt, der Deutschen Presse-Agentur. "Wie viele Menschen für die Kirche tätig sind und in ständiger Angst leben müssen, von ihr sanktioniert zu werden, lässt einen erneut fassungslos zurück."

Ein Zeichen gegen Homophobie und für Diversität

20 katholische Verbände und Organisationen, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken bis zum Katholischen Deutschen Frauenbund, solidarisierten sich mit den Forderungen. "Wir stellen uns ausdrücklich gegen Homophobie und fordern eine Kultur der Diversität in der katholischen Kirche", erklärten sie.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte der Deutschen Presse-Agentur, das kirchliche Arbeitsrecht könnten die deutschen Bischöfe eigenverantwortlich ändern, ohne dass dafür der Vatikan seine Zustimmung geben müsse. Tatsächlich werde das katholische Arbeitsrecht aktuell überarbeitet. "Mehrheitlich wünschen die Bischöfe und vor allem die übergroße Zahl der Generalvikare, die täglich mit der Untauglichkeit dieses Rechts zu kämpfen haben, dass sämtliche Loyalitätsobliegenheiten, die die persönliche Lebensführung betreffen, ersatzlos gestrichen werden", sagte Schüller. "Ich begrüße diese Entwicklung."

Das Paar Monika Schmelter (l) und Marie Kortenbusch steht an einem Kloster vor einer Maria-Statue. In einer beispiellosen Aktion haben sich 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche als queer geoutet und ein Ende ihrer Diskriminierung gefordert.
Guido Kirchner, dpa

Die einseitige Ausrichtung der katholischen Kirche auf heterosexuelle Ehen hatte bisher oft ein jahrzehntelanges Versteckspiel zur Folge. Davon kann zum Beispiel Monika Schmelter (65) aus Lüdinghausen im Münsterland erzählen. Sie hat die Beziehung zu ihrer heutigen Frau 40 Jahre verheimlicht, weil sie selbst bei der Caritas arbeitete und ihre Partnerin Religionslehrerin war. Sie hätten beide lange Anfahrtswege zu ihrer Arbeit in Kauf genommen, um nicht entdeckt zu werden, sagte Schmelter der Deutschen Presse-Agentur. Auch an ihrem Wohnort seien sie immer nur "dezent" aufgetreten - nie als Liebespaar. "Das war sehr belastend."

Leben in einem Schatten

Als es irgendwann doch durchgesickert sei und sie sich ihrem Chef anvertraut habe, sei von dem die Ansage gekommen: "Wenn ich das weiter geheim halte, dann kann ich meinen Job behalten. Aber wenn ich das an meinem Dienstort offen gemacht hätte, hätte das zu meiner Kündigung geführt."

2019 ging Monika Schmelter in Rente, ein Jahr später heirateten sie und ihre Partnerin Marie Kortenbusch. Jetzt wollen sich beide dafür einsetzen, dass anderen ein solcher Leidensweg erspart bleibt. Die Gelegenheit dafür erscheint ihnen günstig: "Die Kirche steht mächtig unter Druck, besonders seit der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens", sagt Monika Schmelter. "Die können sich eigentlich keinen weiteren Skandal leisten."


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