PoC-Frauen haben häufig tragende Rollen in Serien auf Netflix - im linearen deutschen Fernsehen sieht es da noch anders aus. 
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fein leben
31.05.2022, 07:44 Uhr

Vielfalt in TV und Serien: Wie divers wird die Gesellschaft abgebildet?

Menschen abseits der homogenen Mehrheitsgesellschaft genauso wie Frauen werden oft nicht ausreichend in Medien repräsentiert. Bis vor ein paar Jahren war es außergewöhnlich, dass eine queere Person eine Hauptrolle in einer Serie spielt, ohne ständig ihre Sexualität oder Identität zu thematisieren. In der Serienlandschaft hat sich allerdings viel getan - doch reicht das, damit sich alle Menschen repräsentiert fühlen?

Gibt es mindestens zwei Frauenrollen, die auch einen Namen haben? Sprechen sie miteinander UND ist das Gesprächsthema kein Mann? Wenn diese Kriterien erfüllt sind, ist der Bechdel-Test bestanden. Dieser "Sexismus-Test" gibt Aufschluss darüber, ob Frauen ausreichend oder zumindest genügend in Filmen oder Serien vorkommen. Denn: Das ist nicht selbstverständlich.

Diversität bei Netflix und Co.

Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon sind Vorreiter, was Vielfalt angeht. Vor allem Serien bilden eine breite Diversität ab. Es gibt seit einiger Zeit Rubriken wie "Black Lives Matter" oder "Black Stories", in denen entweder People of Color vor oder hinter der Kamera stehen. Mit "Orange is the new Black", "Queer Eye", "Atypical" oder "Transparent" werden auch andere Menschen abseits der homogenen Mehrheitsgesellschaft abgebildet. Das lineare Fernsehen hinkt - trotz Entwicklungen in den vergangenen Jahren - den Bezahldiensten hinterher.

Das hat gleich mehrere Gründe. Netflix und Co. bedienen einen internationalen Markt, also eigentlich viele verschiedene Märkte. Das allein bringt eine gewisse Vielfalt in die Angebote. Außerdem sind die meisten großen Streamingportale aus den USA, wo Diversität ein noch deutlich größeres gesellschaftspolitisches Thema ist, als in Deutschland. Netflix gibt in öffentlichen Statements an, dass es ihnen nicht nur um Vielfältigkeit ihres Angebots ginge, "sondern auch um die Personen und Kulturen, die wir in unseren Produktionen zeigten".

Studie der Vielfalt

Dr. Stacy L. Smith, die Gründerin und Direktorin der Annenberg Inclusion Initiative der University of Southern California (USC), untersuchte in einer Studie die Zusammensetzung der Netflix-Besetzung vor und hinter der Kamera - also Schauspieler:innen, Produzent:innen, Autor:innen und Regisseur:innen in den Jahren 2018 und 2019. Die Ergebnisse zeigen, dass Netflix zwar von Jahr zu Jahr Fortschritte im Bereich Repräsentation und Inklusion gemacht, gleichzeitig aber noch einen langen Weg vor sich hat.

Frauen spielen in Neflix-Serien genau so oft eine Hauptrolle wie Männer - Bechdel-Test also mehr als bestanden. Auch die Besetzung von Schwarzen Schauspieler:innen ist weiter gestiegen. In der Repräsentation von Communitys mit anderen Wurzeln, der LGBTQ*-Community oder Menschen mit Behinderung gibt es laut Streamingdienst noch einiges zu tun.

Als großen Faktor für die Vielfalt in den Serien nennt Netflix die große Vielfalt im Team selbst. "Inklusion hinter der Kamera steigert die Inklusion vor der Kamera exponentiell", heißt es in der Pressemitteilung. Durch den Netflix-Fonds fördert der Streaming-Gigant seit 2021 Chancengleichheit und Inklusion mit 100 Millionen US-Dollar. Das Geld wird zur Förderung unterrepräsentierter Communitys in der Serien- und Filmbranche sowie in speziell von Netflix entwickelte Programme investiert.

Deutsches Fernsehen auf dem Prüfstand

Doch wie sieht es im linearen deutschen Fernsehen aus? Wirbt hier nur Heidi Klum mit "Diversity, Diversity, Diversity" oder gibt es weitere Veränderungen? 2021 wurden einige Grundsteine für eine vielfältigere Fernsehlandschaft gelegt. Die ARD hat das "Diversity Board", ein senderübergreifendes Netzwerk für mehr Vielfalt im Programm, ins Leben gerufen. Außerdem gibt es seit vergangenem Jahr das Bündnis "Medien für Vielfalt" von ARD, ZDF, Deutsche Welle, Deutschlandradio, der RTL-Gruppe und ProSiebenSat.1.

Eine Studie der MaLisa-Stiftung aus dem Jahr 2021 zeigt allerdings: Menschen abseits der homogenen Mehrheitsgesellschaft werden noch nicht ausreichend abgebildet. Es gibt zwar mittlerweile einige Serien, in denen Hauptdarsteller:innen queer oder People of Color sind, allerdings noch nicht genug. Auch die Geschlechtergerechtigkeit ist laut der Studie noch lange nicht gegeben. Viele Sender und Produktionsfirmen arbeiten inzwischen mit Diversity-Checklisten, die dafür sorgen sollen, dass die gesellschaftliche Vielfalt wirklich abgebildet wird.

Kritik und Chancen

An diesen Checklisten gibt es allerdings aus der Branche auch Kritik, da befürchtet wird, dass die Punkte nur stur abgehakt werden und damit Menschen abseits der homogenen Mehrheitsgesellschaft nur symbolisch abgebildet werden. Außerdem ist abgesehen von Checklisten wichtig Diversität nicht durch die Verwendung von Stereotypen und Klischees abzubilden. Die Sexualität oder die Hautfarbe von Schauspieler:innen sollte nicht zwingend thematisiert werden. Klassische Rollenbilder zu reproduzieren, erfüllt nicht den Auftrag, eine vielfältige Gesellschaft darzustellen.

Das lineare Fernsehen bemüht sich also vor allem seit vergangenem Jahr, mehr Diversität in ihr Programm zu bringen. Doch oft scheint es, als würde die Angst um die Einschaltquote Produzent:innen und Sender noch bremsen. Die Sendezeiten von Serien wie "All you need", die von vier schwulen Protagonisten handelt, läuft beispielsweise nicht zur Primetime, sondern um 22.50 Uhr.

Vanessa Neuß


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