Robin will die WM boykottieren, Gerhard hingegen die Spiele der Deutschen Nationalelf verfolgen.
© Photokollage: IMAGO / Kieran McManus / Robin Walter
fein leben
23.11.2022, 13:30 Uhr

Streitgespräch über WM: "Papa, warum schaust Du Dir das an?"

WM boykottieren oder nicht? Was bringt's, die Spiele im TV nicht zu verfolgen? Warum muss die Debatte über die WM in Katar auf dem Rücken der Fans ausgetragen werden? Solche Fragen stellen sich an vielen Frühstückstischen oder Kneipentresen. Unser Autor Robin hat mit seinem Vater Gerhard über den WM-Boykott diskutiert:

Unser Autor Robin ist nicht der geborene Fußballfan. Bei großen Events verfolgt er jedoch gerne die Spiele. Auch in den vergangenen Jahren schaute er bei Welt- oder Europameisterschaften vor dem Fernseher zu. Dieses Jahr allerdings nicht. Er sagt: "Ich boykottiere alles, was mit dieser WM in Verbindung steht."

Gerhard ist Robins Vater. Der 54-Jährige Nürnberger schaut gerne mal Fußball im TV. Seine Lieblingsmannschaft ist natürlich der Club, eingefleischter Stadiongänger ist er aber nicht. Zur WM in Katar hat Gerhard eine andere Haltung als sein Sohn, er will sich die Spiele der deutschen Nationalelf im TV anschauen.

Robin: Tausende Menschen mussten für die Vorbereitung zur Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ihr Leben lassen. Konservativen Schätzungen zufolge starben auf den Baustellen rund 6500 Menschen, makaber aufgerechnet mussten also pro WM-Spiel 101 Menschen sterben. Sag mal ehrlich, warum schaust Du Dir das an? Kannst Du das mit Deinem Gewissen vereinbaren?

Gerhard: "Anschauen" ist etwas weit gegriffen, für mich macht es einen Unterschied, ob ich die gesamte WM verfolge und mitfeiere oder nur die Spiele der deutschen Mannschaft im TV anschaue. Früher habe ich auch viele Spiele mit nicht-deutscher Beteiligung geschaut, was ich in diesem Jahr sicherlich nicht tun werde.

Robin: Wo ist denn nun der Unterschied, warum willst Du zwar nicht die ganze WM verfolgen, aber dennoch die Spiele des deutschen Kaders?

Gerhard: Für mich macht es natürlich einen Unterschied, unter welchen Bedingungen ein solches Großevent stattfindet. Sei es die gesetzliche Verfolgung von Homosexuellen, die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen oder der Umgang mit Frauenrechten, das widerspricht alles meinen moralischen Maßstäben.

Robin: Wo ist denn dann die Grenze, ab wann Du ein Großevent wie die WM boykottieren würdest? Sind mehr als 100 Tote pro Spiel nicht schon der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde?

Gerhard: Das kann man natürlich nicht aufrechnen. Jeder Mensch, der dafür leiden oder sogar sterben musste, ist zu viel, das steht außer Frage. Die Frage für mich ist vielmehr: Ab wann ist ein Boykott ein Boykott? Das beginnt bei mir mit dem Nicht-Kaufen von Fan-Artikeln und Merchandise oder, dass man eben nicht alle Spiele verfolgt.

Robin: Für mich definiert sich ein Boykott durch das Ziel, dass man damit verfolgt. Es geht ja nicht darum, dass man anderen Fans etwas verbieten möchte oder einfach nur trotzig sein möchte. Für ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel, in dem Fall Druck auf politische oder sportliche Akteur:innen ausüben, dass so etwas wie in Katar nie wieder geschieht, kann man als Boykott auf diese WM verzichten.

TV an oder aus? Bekommt doch niemand mit

Gerhard: Die diesjährige WM findet aber dennoch statt, die verschwindet durch den Boykott der Veranstaltung um das Sportliche herum nicht. Was wir jetzt in der Hand haben, ist, dass dieses Event nicht groß zelebriert wird. Sei es mit Public Viewings oder mit Autokorsos. Sowas hat bei der WM in Katar nichts zu suchen. Sowas sehen dann auch die Verantwortlichen. Wenn ich meinen Fernseher nicht anschalte, dann bekommt das niemand mit.

Robin: Also könnte man sagen, dass die WM als 'Event' an sich schon boykottierst, den sportlichen Aspekt mit dem Kräftemessen der Nationalmannschaften aber schon verfolgen willst?

Gerhard: Kann man so sagen, ja. Die Problematik in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist, dass der Konsum, die Vermarktung und das Wirtschaften in die eigene Tasche der Funktionäre immer mehr geworden ist. Für mich ist die Hochrechnung nicht, dass pro Spiel so und so viele Menschen gestorben sind, sondern dass an jedem Euro oder Dollar, der mit dieser WM generiert wird, Blut klebt.

Robin: Dennoch werden die Arbeiter:innen nicht mehr lebendig und bei hohen Einschaltquoten, sorgst du vor Deinem Fernseher auch dafür, dass sich jemand blutige Euros in die Taschen steckt.

Gerhard: Das ist wohl wahr. Aber muss sich jetzt der Fußball-Fan den Stiefel anziehen lassen oder liegt es nicht eher bei Politik und Funktionären, die dem ganzen viel früher einen Riegel hätten vorschieben müssen?

Robin: Klar, aber wie du schon sagst: Die WM findet dennoch statt und das Kind ist schon längst in den Brunnen gefallen. Ich finde, man muss gerade jetzt ein eindeutiges Zeichen setzen, dass Politik und Sportvertreter:innen zumindest in Zukunft anders handeln.

Gegenwind muss spürbar sein

Gerhard: Wer sind denn die großen Funktionäre? Die sitzen bei der Fifa oder in Vorständen bei Vereinen. Diese Leute werden daraus nicht lernen, auch nicht nach einem Boykott. Den Gegenwind aus der Gesellschaft werden die Verantwortlichen aber spüren und das sollten sie auch. Kommerz ist ein ganz großes Problem im Fußball, das gipfelt dann in schmutzigen Deals, um das Image von Staaten wie Katar aufzupolieren. Solche Länder kaufen sich damit fast schon eine Legitimierung, Menschenrechte zu missachten.

Robin: Da sind wir ja auf der selben Seite. Ich sehe in einem völligen Boykott der WM aber genau den Gegenwind, den die Verantwortlichen vielleicht brauchen, um künftig umzudenken. Aber halbe Sachen funktionieren nicht. Nur wenn die WM ein richtiger Reinfall für die Fifa wird, dann besteht die Chance, dass Fußball in Zukunft vielleicht weniger vom Kommerz zerfressen wird. Dann müssen auch nicht mehr die Fans die Fehler der Verantwortlichen ausbaden und vor allem auch keine Menschen mehr für die Austragung solcher Events ihr Leben lassen.

Gerhard: Diese WM wird auf jeden Fall in die Geschichtsbücher eingehen, als ein Wettbewerb, für den viele Menschen leiden mussten. Dennoch bleibt nun abzuwarten, wie groß der Reinfall am Ende tatsächlich sein wird.

Robin: Wie wird Dein Boykott denn nun tatsächlich aussehen?

Gerhard: Ich werde keine Spiele ohne deutsche Beteiligung verfolgen und wenn sich zu einem Spiel der Nationalmannschaft eine Alternativveranstaltung für mich auftut, dann kann ich mir auch vorstellen, dass ich auf das ein oder andere Spiel verzichten werde und der Fernseher aus bleibt.

Robin: Ich verstehe Dich als Fußballfan und kann den Zwiespalt in Dir auch ein Stückweit nachvollziehen. Ein bisschen Protest ist immer besser als Nichtstun. Ich geh dann schon mal auf die Suche nach Alternativveranstaltungen, die wir gemeinsam besuchen können.


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