Bei der Solidarischen Landwirtschaft finanzieren Erzeuger und Verbraucher gemeinsam den Hof und teilen sich die Ernte.
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18.09.2022, 08:53 Uhr

Ne Kiste voller Überraschungen: So funktioniert Solawi in und um Nürnberg

Eine Kiste voller leckeren Überraschungen will die Wende bringen: Durch Solawi - Solidarische Landwirtschaft - soll vieles wie der globale Lieferkettenwahnsinn und die Finanznot der Erzeugenden idealerweise bald der Vergangenheit angehören. Du kannst selbst Teil diese Netzwerks sein - und dazu noch Feines direkt aus der Region schlemmen - ganz nach dem Motto "Sharing is caring". Cool, oder?!

Massenindustrie und Massenproduktion sind nix für Dich? Inzwischen gibt es ja unzählige Modelle, die die gängigen Vertriebswege teils über den ganzen Globus in Frage stellen und zeigen, dass es auch anders, niederschwelliger, geht. Dass Direktvermarktung - also kurze bis keine Wege von den Erzeugenden zu den Verbrauchenden - funktionieren kann. Lange Lieferketten, lange Transportwege und die auch noch durch Kühlung ansteigende CO2-Emissionen - für viele unter uns Verbraucher:innen ist das längst ein überholtes und nicht mehr zeitgemäßes Relikt aus grauen Vorzeiten. Wir wollen reife und frische Produkte, Lebensmittel, direkt aus der Region. Idealerweise von Erzeuger:innen, die wir theoretisch oder auch praktisch besuchen können. Keine Gifte und Pestizide, keine langen Wege, keine Emissionen, kein Drumherum.

Auch in Pretzfeld bei Ebermannstadt im Kreis Forchheim existiert das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft - hier ist Anna Vollmer auf einem Kürbisfeld zu sehen. 
Berny Meyer, NN

Das Konzept der "Solidarischen Landwirtschaft" (kurz: Solawi) will genau auf diese Kritikpunkte eingehen und es besser machen. Über das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft werden die Lebensmittel nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen, durchschaubaren Wirtschaftskreislauf, der von den Verbraucher:innen mitorganisiert und mitfinanziert wird. Das heißt: Du bestellst eine Kiste über das Netzwerk oder den Erzeugerbetrieb Deiner Wahl - und Dir wird ein Überraschungspaket vom Feld in Dein Stadtviertel geliefert.

Dabei geht das Engagement weiter, als einfach nur Kisten voller Lebensmittel zu beiziehen. Bei der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geht es natürlich vorrangig darum, regionale, saisonale und authentische Bio-Lebensmittel anzubauen und zu beziehen. Im Vergleich zum herkömmlichen Einkauf bezahlst Du als Verbraucher;in aber nicht das einzelne Produkt, sondern den Preis, den es eben tatsächlich kostet, dieses Lebensmittel herzustellen. Als "Städter:in" kannst Du Dich direkt mit dem Bauernhof verbinden und gemeinsam den Anbau planen. Dazu gehört auch, dass das Risiko für die Ernte gemeinsam getragen wird. Damit werden regionale Bio-Höfe erhalten und Du selbst kannst darüber hinaus aktiv eine nachhaltige Landwirtschaft mitgestalten - also dafür arbeiten, dass das, was bei Dir auf den Teller kommt, auch ethisch wertvoll ist.

Große Überraschungen in der Kiste - so geht Solawi

Warum ein Überraschungspaket? Denn die Erzeugenden legen in Deine wöchentliche Kiste das, was eben gerade Saison hat oder besonders gut gedeihen konnte und daher eine hohe Erntemenge vorliegt. Das heißt: Mal hast Du viele Kartoffeln, das nächste Mal einige Karotten, etc. Natürlich gibt es verschiedene Modelle und auch Kistengrößen.

So geht's:

1. Du meldest Dich über eines der Netzwerke in der Region an (siehe unten).

2. Du suchst Dir den Hof oder die Höfe Deiner Wahl aus sowie, ob Du eine kleine oder eine große Kiste bestellen möchtest.

3. Deine Bestellungen holst Du in Depots in verschiedenen Ecken der Stadt ab - einmal pro Woche erhältst Du eine Kiste, es gibt aber auch andere Taktungen. Natürlich kannst Du bei Deiner Bestellung das nächstgelegene Depot wählen, damit Du Deine Bestellungen auch ohne riesigen Aufwand abholen kannst.

4. Du kannst Dich natürlich auch als Depot- oder Erntehelfer:in engagieren und somit noch mehr für den Erhalt einer guten Landwirtschaft tun.

5. Wenn Du wieder aussteigen willst: Manche Höfe machen einen Probemonat möglich, in dem Du ausprobieren kannst, ob die Solawi zu Deinen Alltag passt. Eine reguläre Kündigung ist dann zum Ende des Wirtschaftsjahres und bei besonderen Fällen (z.B. Umzug oder dergleichen) möglich.

Was in den Kisten an die Verbraucher:innen geliefert wird, entscheiden die Erzeugenden nach verschiedenen Faktoren wie Saison, Ernteumfang, etc.
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Welche Vorteile habe ich als Verbraucher:in/Konsument:in?

  • Du kriegst gute und regionale Qualität: frische, vielfältige, saisonale, und regionale Nahrungsmittel
  • Du kriegst Transparenz und weißt, wo und wie die Nahrungsmittel angebaut werden, wer sie anbaut und zu welchen Kosten dies geschieht
  • Du förderst regionale Nachhaltigkeit, in dem Du den Aufbau ökonomischer Strukturen supportest, durch die eine lebendige lokale Landwirtschaft gestärkt wird.
  • Du erhältst Zugang zu Info und Bildung: Du hast also die Möglichkeit, Dir Wissen über den Anbau sowie die Herstellung von Lebensmitteln und über die Pflege der Erde zu erwerben.

Nicht nur Gemüse, sondern auch tierische Produkte wie Ziegenkäse oder Ziegenmilch kannst Du mit Solawi in der Region um Nürnberg bestellen.
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Welche Vorteile haben die Erzeuger:innen?

  • Sie erhalten Planungssicherheit und die Unterstützung durch eine Gemeinschaft
  • Sie teilen das Risiko, das die landwirtschaftliche Produktion mit sich bringt (schlechte Ernte auf Grund von Witterungsbedingungen)
  • Sie beziehen ein gesichertes Einkommen und haben so die Möglichkeit, sich einer gesunden Form der Landwirtschaft zu widmen - und nicht auf Dumpingpreise der Discounter angewiesen zu sein.
  • Sie haben mehr Gestaltungsfreiheit in ihrer Arbeit: z.B. die Anwendung von einer guten landwirtschaftlichen Praxis, die unter marktwirtschaftlichen Sachzwängen nicht immer möglich ist; experimentelle Anbauformen, Förderung der Bodenfruchtbarkeit, tiergerechtere Haltung oder auch den Anbau samenfester Sorten.
  • Soft effect: Sie haben schlichtweg mehr Freude an ihrer Arbeit, da sie wissen, für wen sie die Lebensmittel anbauen.
  • Sie erfahren mehr Mitbestimmungsmöglichkeit in ihrem Arbeitsalltag: So können sie Arbeitsstrukturen schaffen, die mehr Freizeit oder Urlaub ermöglichen, als es sonst in der Branche üblich ist.

Warum sollte ich mich an Solawi beteiligen bzw. engagieren?

Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, haben die Wahl: Sie können entweder die Natur oder sich selbst ausbeuten, um auf dem globalen Super-Markt oder für die Discounter mit ihren Dumpingpreisen relevant zu sein. Denn, natürlich, hängt ihre Existenz von Subventionen und Markt- bzw. Weltmarktpreisen ab. Beide sind Faktoren, auf die sie keinen Einfluss haben und die sie häufig zwingen, über ihre persönliche Belastungsgrenze sowie die von Boden und Tieren zu gehen, oder eben ganz aus der Landwirtschaft auszusteigen. Auch der ökologische Landbau ist davon nicht mehr ausgenommen - schau Dir die ganzen Bio-Produkte im Supermarkt an.

Die Solidarische Landwirtschaft ist also eine innovative Strategie für eine lebendige, verantwortungsvolle Landwirtschaft, die gleichzeitig die Existenz der Menschen, die dort arbeiten, sicherstellt und einen essenziellen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leistet.

Solawi soll fördern, dass die Erzeugenden nicht mehr so stark vom Markt ausgebeutet werden, sondern sich auch um eine gesunde Form des Kultivierens und Produzierens kümmern. Das kommt den Erzeugenden, der Natur und natürlich auch den Verbraucher:innen zugute.
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Wo finde ich Höfe in der Nähe und ein Solawi-Netzwerk in und um Nürnberg?

Hier gibt es zwei Anlaufstellen:

1. Bioland Gemüsehof Volland aus Nürnberg-Neunhof

2003 hat Ursula Volland mit dem Betrieb des Hofes begonnen. Mit ihrer Lebensgefährtin Christiane Wilde entschied sie sich 2013, ökologischen Landbau nach Bioland-Richtlinien zu betreiben. Von Juli 2017 bis 2019 war Volland Teil der Nürnberg Solawi-Initiative "Stadt, Land, Beides". Hier bekommst Du Gemüse und Kräuter.

1. Mehrhof Solawi Nürnberg - Stadt, Land, Beides.

Besonders bei "Stadt, Land, Beides" ist, dass mehrere Höfe mitmachen und Du Dich auf einem oder mehreren Höfen engagieren, ihn/sie also supporten, kannst. Dir steht damit auch eine breitere Palette an Lebensmitteln zur Auswahl. Den Großteil der Lebensmittel beziehst Du regelmäßig als Ernteanteil, ein paar Mal im Jahr gibt es Sonderaktionen wie z.B. Orangen aus Sizilien. Beteiligt in diesem Verbund sind:

Der Biohof Walz, Amberg

Der Biolandhof Schaller, Erlangen

Der Demeterhof Hederer, Uffenheim (Kreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim)

Der Reimehof, Kirchensittenbach (Kreis Nürnberger Land)

Die Ausrichtung der Höfe sind unterschiedlich. Der Reimehof beliefert Dich mit Milchpaketen, die diverse Produkte aus Ziegenmilch enthalten. Der Biohof Walz fokussiert sich auf Rindfleisch, Wurst, Eier, Brathendl, Suppenhennen und Produkte aus ihrem speziellen Ur-Getreide. Bei Hederer ist der Ernteanteil an Gemüse für ca. ein bis zwei Personen ausgelegt. Der Hof entscheidet, wann und welche Gemüsesorten geliefert werden - je nach Witterung und Einflüssen der Natur. Das geplante Sortiment reicht von Gurken, Tomaten, Kartoffeln über Kürbis, Salat, Knoblauch und Bohnen bis hin zu Artischocken, Paprika und Auberginen uvm. Der Biohof Schaller bietet vor allem Wintergemüse: Zusammen mit verschiedenem Getreide, Ölkürbis, Kartoffeln, Leguminosen, Zwischenfrüchten und verschiedenen Kleearten wachsen fast 40 verschiedene Gemüsearten in einer weitgestellten und vielfältigen Fruchtfolge. Der Ernteanteil an Gemüse bietet sämtliches Wintergemüse wie Kartoffeln, Möhren, Pastinaken, Sellerie, Blaukraut, Wirsing, Kürbis und vieles mehr.

Natürlich gibt es weitere Höfe in der Region - wie die Lillinghofer Obstbauern aus Schnaittach, Solawi Dollinger aus Thalmässing, die Erntegemeinschaft Vorderhaslach aus Happurg, die Solawi Ebermannstadt oder u.a. auch SoLawi Gunzendorf auf Tristans Biohof aus Emskirchen.

Wo finde ich die Depots und gibt es Depots in meiner Nähe?

Die Initiative "Stadt, Land, Beides" hat einige Depots in Nürnberg und auch in Fürth eingerichtet:

- Depot Marienberg (Braillestraße 27, 90425 Nürnberg)

- Depot: St. Peter (Findelwiesenstraße 25, 90478 Nürnberg)

- Depot: Altenfurt (Schornbaumstraße 12, 90475 Nürnberg)

- Depot: Die Wiese (Wiesenstraße 19, 90443 Nürnberg)

- Depot: Tatütata (Hirschenstraße 33, 90762 Fürth)

- Depot Spiegelfabrik (Zugang via Dr.-Mack-Straße 42, 90762 Fürth)

Teils kannst Du auch die Wochenmärkte in Erlenstegen (Platnersberg und Steinplatte) abholen. Wann Du dann jeweils Deine Überraschungsboxen abholen kannst, Du dann via der Webseite von "Stadt, Land, Beides" einsehen. Sie sind aber so gestaltet, dass auch Arbeitnehmer:innen oder Berufstätige die Abholung gut in den Alltag integrieren können.

Wenn Du generell mehr über Solawi erfahren möchtest, empfehlen wir Dir, die Webseite des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft zu besuchen, dabei handelt es sich um ein überregionales Portal, das Dir aber auch Infos aus der Region liefert.

Geht es um konkrete Angebote aus Franken, dann ist die Webseite von "Stadt, Land, Beides" eine erste Anlaufstelle. Dort findest Du die Teilnahmevereinbarung, wenn Du Dich beteiligen möchtest, und natürlich noch mehr zu den Ausrichtungen und den Profilen der beteiligten Höfe.

Hör Dir das Ganze doch live an - im heizhaus Nürnberg

In einen direkten Austausch mit Expert:innen kannst Du am Montag, 19. September, zwischen 18 und 19 Uhr mit Charlotte Gebert im heizhaus Nürnberg treten (Wandererstraße 89, U1/Eberhardshof) treten. Sie stellt Dir im Zuge des allerliebsten Wochenmarkts die Grundprinzipien der Solawi anhand von "Stadt, Land, Beides" vor.


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