In ihrem Laden für gebrauchte Mode beobachtet Sabrina Rodehau, dass mehr Menschen den Gürtel enger schnallen müssen. Aber das ist ihr zufolge nicht der einzige Grund für die wachsende Nachfrage.
© Sophia Schmoldt
fein leben
10.08.2022, 09:11 Uhr

Inflation! Boomen jetzt Gebrauchtwaren? So sieht es in der Region aus

Wenn die Preise immer weiter in die Höhe schießen, wird das für Menschen mit schmalem Geldbeutel zum Problem. Geht der Trend jetzt noch mehr zu Waren aus zweiter Hand? Oder verteuert sich Secondhand in diesen Tagen ebenfalls? Stimmen aus der Region.

Neulich in Nürnberg: Heartlight Vintage gastiert im Loftwerk. Das junge Unternehmen aus Mannheim verwandelt geräumige Orte wie diesen in der Ulmenstraße tageweise in eine Art Basar, um gebrauchte Kleidung unters Volk zu bringen. Die Nachfrage ist offenbar enorm: Damit nicht zu viele Menschen auf einmal in die Räume fluten, können Kund:innen Zeitfenster reservieren.

Auch Vinokilo – dieser Name gehört zu den bekanntesten der Branche – organisiert regelmäßig zweitägige PopUp-Events in unterschiedlichen Städten, bezahlt wird dort aber nicht pro Kleidungsstück, sondern pro Kilo Gewicht der gebrauchten Ware.

Das Angebot stößt vor allem bei Jugendlichen und jungen Menschen um die 20 oder 30 auf Interesse, sie haben dafür bereits den passenden Anglizismus: Wer eine Einkaufstour durch Secondhand-Läden macht, der geht „thriften“. Das englische Wort bedeutet im Deutschen „Sparsamkeit“.

„Beim Thriften stößt man schon auf viel Mist, aber wenn man ausdauernd sucht, findet man echt coole Teile“, sagt Hanna, eine 19-Jährige aus Fürth, die bei Kleidung inzwischen voll auf „Vintage“ steht, auf Gebrauchtes also. Verzichten wegen der Inflation jetzt immer mehr junge Leute auf Neuwaren? Hanna zuckt mit den Schultern. „Bei mir und meinen Freundinnen steht da eigentlich mehr der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund.“

La Cola Nürnberg
La Cola

Sabrina Rodehau und Fabian Heymann, Betreibende von „La Cola“ aus Fürth, sehen das ähnlich. Sie verkaufen Secondhand-Mode auch in Ansbach und Nürnberg und stellen fest: Das wachsende Bewusstsein der Menschen für nachhaltigen Konsum lasse die Nachfrage für gebrauchte Kleidung steigen. Allerdings dürfte nach ihren Worten ebenfalls eine Rolle spielen, dass die Lebenshaltungskosten zuletzt stark gestiegen sind. Viele Menschen hätten dadurch weniger Geld zur Verfügung, was sich auch im Laden bemerkbar mache: Manche Kund:innen, so Rodehau, achten nun genauer darauf, was sie kaufen – und lassen Ware gerne auch einmal zurücklegen, um „noch eine Nacht darüber zu schlafen“.

Lieferprobleme bei Elektrowaren

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist die Inflationsrate in Deutschland im April auf einen Höchststand von 7,4 Prozent geklettert. Seit Putins Angriff auf die Ukraine steigen nicht nur die Preise für Energie und Nahrungsmittel, auch Elektrowaren sind davon betroffen.

Das wiederum hat zur Folge, dass sich mehr Menschen für gebrauchte Waschmaschinen, E-Herde und Gefriertruhen interessieren – zum Beispiel in der Elektrostube von Oswald Hölzel in Nürnberg.

Allgemein sei die Nachfrage so groß, dass der Geschäftsführer Probleme damit hat, für Nachschub zu sorgen, was ebenfalls die Preise in die Höhe treibt. Er versuche jedoch, die Mehrkosten nicht direkt an die Kundschaft weiterzugeben, beteuert Hölzel. Gleichzeitig weiß er von Lieferschwierigkeiten bei Neuwaren zu berichten, besonders Kühlschränke und Herde seien im Moment schwer zu bekommen. Gezwungenermaßen greifen auch deshalb viele Menschen auf gebrauchte Geräte zurück.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in „Carolines Trödellager“ in Nürnberg, wo gebrauchte Möbel auf Kundschaft warten. Geschäftsführerin Cane Imrak stellt fest, dass Kunden weniger Geld zur Verfügung haben. Wohl auch deshalb habe sie seit etwa einem halben Jahr keine Couch mehr verkauft. Insgesamt kämen deutlich weniger Menschen in den Laden als noch vor ein paar Monaten und die meisten wollten „nur mal schauen“, so Imrak. Anders als früher feilschten Kund:innen heute nicht mal mehr, da sie davon ausgingen, sich die Ware so oder so nicht leisten zu können.

Im Gebrauchtwarenhof des Wertstoffzentrums Veitsbronn beobachtet man keine nennenswerte Teuerung bei Gebrauchtwaren. Der Trend gehe zwar definitiv zu Secondhand, weil es günstiger sei, aber auch, weil viele Kund:innen nachhaltiger kaufen wollten, sagt Enrico Müller vom Call-Center des Gebrauchtwarenhofs.
Die letzten Monate hätten den Anreiz, Gebrauchtes zu kaufen, nicht wesentlich verändert, glaubt Müller und sagt dann einen Satz, den wir schon von Sabrina Rodehau kennen: „Aber die Kund:innen denken mehr darüber nach, wofür sie ihr Geld ausgeben.“


Techno-Partys, Flohmärkte und mehr: Die Eventtipps der Woche

Liebe, Peace und Regenbogenmeer: So bunt und nice war die CSD-Demo in Nürnberg

Anne-Spohie Reiß