Das ist Olga Komarova.
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03.03.2022, 12:39 Uhr

"Ich konnte nichts machen, nur weinen", ein Interview mit Ukrainerin Olga aus Nürnberg

Wir tauchen für einen Moment in die Gedanken einer Ukrainerin, die nun in Nürnberg lebt ein. Unsere Autorin Antonia hat mit Olga Komarova gesprochen. Sie kommt gebürtig aus der Ukraine und muss zusehen, wie ihre alte Heimat zerstört wird. Aber sie tut alles andere, als stillzusitzen. Olga unterstützt Hilfsprojekte und -Organisationen, wo sie nur kann und steht in sehr engen Kontakt mit ihrer Familie in der Ukraine.

Auf die Frage, wie es Olga denn heute geht, wusste sie fast gar nicht, was sie mir antworten soll: "Mein Bruder kämpft für die Ukraine, meine Großeltern sitzen in Kiew fest und mein Lebensgefährte muss sich in einem Musikraum verstecken." Dass es ihr gut geht, habe ich nicht erwartet, aber diese Antwort hat mich zutiefst getroffen. Es sind schlimme Zeiten für ihre Familie, doch fast genauso schlimm ist es für Olga, da sie ihren Liebsten nicht helfen kann.

Die einen flüchten, die anderen bleiben in der Ukraine

Es hat verschiedene Gründe, warum Teile von Olgas Familie und Freund:innen in Kiew bleiben (müssen). "Meine Großeltern sind schlichtweg einfach zu alt und würden den Transport zur polnischen Grenze nicht überleben." Sie wisse nicht einmal, wo sie ihre Großeltern dann hinschicken solle, wenn sie an der polnischen Grenzen ankämen. Der Bruder von ihr darf als Mann die Ukraine erst gar nicht verlassen. Er kämpft nun für sein Land. Auch ihr Lebensgefährte ist noch immer in Charkiw. Seine Wohnung wurde von einer Bombe getroffen und er verlor sein Zuhause: "Da er Musiker ist, hat er im Keller einen Musikraum, dieser hat den Bombenangriff überlebt. Seitdem versteckt er sich dort mit ein paar Freunden.", erklärt mir Olga. Dieser Raum ist schalldicht, so bekommen die Ukrainer wenig von den Schüssen mit. "Dadurch bekommen mein Lebensgefährte und seine Freunde wenigstens etwas Schlaf, da sie den Lärm von draußen nicht so mitbekommen." Das ist nicht bei allen Betroffenen so. Die meisten bekommen seit Beginn des Angriffes kaum mehr ein Auge zu, nicht nur wegen der Angst und der Unsicherheit, auch weil das Land seither mit Lärm überflutet ist. "Meine Freundin flieht mit ihrer Tochter in den Westen der Ukraine, da es dort (noch) etwas sicherer ist.", so die Nürnbergerin. Ihren Mann muss sie zurück lassen. Auch nach Deutschland fliehen seither einige Ukrainer:innen. "Die meisten Stellen für Geflüchtete sind überfüllt, wir werden darum gebeten, sie privat unterzubringen, bis eine neue Verodnung kommt." Es gibt bereits Anlaufstellen für Zuflucht in der Region. Dort wird sich um die Geflüchteten gekümmert. Unterkunftsmöglichkeiten gebe es aktuell in Gemeinschaftsunterkünften, aber auch in Hotels. Nürnberg rechnet auch damit, dass manche Geflüchtete aus der Ukraine ebenso bei Verwandten und Freunden unterkommen.

"Ich konnte nichts tun, nur weinen!"

Das Schlimmste für die Ukrainerin ist, dass sie persönlich nichts tun kann. "Meine Kollegen und Kolleginnen übernehmen meine Arbeit, weil ich dafür einfach keinen Kopf habe!", erzählt sie mir, "Dass mein Team mich unterstützt, dafür bin ich wirklich dankbar." Sie arbeitet bei dem Projekt "KommVorZone" mit und ist als Künstlerin tätig. Dafür hat Olga seit dem Angriff auf die Ukraine aber keine Nerven mehr. Sie sitzt jeden Tag unruhig Zuhause und hält ständigen Kontakt mit der Familie.

Was können wir hier für Betroffene tun?

"Klar, was mit am wichtigsten ist, ist dass wir für Betroffene spenden. Sachspenden, Geldspenden - alles wird benötigt." Beispielsweise kannst Du für das Rote Kreuz spenden: Die Hilfsorganisation sammelt alle Sachspenden und fährt diese dann hinüber in das betroffene Land. Wenn sich in Deinem Bekanntenkreis jemand in der Ukraine befindet, bittet Olga ihn oder sie zu Dir nach Hause zu holen. Die Anlaufstellen für Geflüchtete sind oftmals überfüllt. Jedoch arbeiten die Hilfsorganisationen bereits daran, die Kapazität dafür zu vergrößern. Sie spricht auch die Geldspenden für die Armee an: "Natürlich hat es immer einen bitteren Beigeschmack, wenn man die Armee unterstützt. Waffen, Tötungen, Krieg - das alles möchte man doch nicht unterstützen.", sagt sie, "Aber die Ukrainische Armee braucht unsere Hilfe. Hier geht es nicht darum, dass die Ukraine sich ergibt. Auch wenn es ein schlechtes Gewissen hervorruft, das Militär zu unterstützen, es ist schlichtweg einfach notwendig.", findet die Künstlerin. "Die Ukraine ist ein demokratisches Land, wenn Selenskyj dem Land sagt, es solle sich ergeben, wird dies nicht passieren. Erst wenn Putin den Krieg für beendet hält, ist es zu Ende, bis dahin muss die Ukrainische Armee durchhalten."

Das Wichtigste: zeigt Solidarität

Abgesehen davon, die Betroffenen mit Spenden zu helfen ist es wichtig, die Ukraine mit Solidarität zu unterstützen. "Das Land soll sehen, dass alle hinter ihm stehen!" Olga findet, dass Verhandlungen mit Russland absolut nicht mehr geduldet werden dürfen. Sie ist aber erstaunt, wie schnell Deutschland jetzt doch handelt und wie viele Menschen hier versuchen, mit allen Mitteln den Betroffenen zu helfen.

Die Ukrainerin unterstützt viele Hilfsorganisationen in Nürnberg

Viele Organisationen profitieren von Olgas Unterstützung. "Da gibt es den Verein Ukrainer in Franken e. V., der unterstützt die Ukrainer bei der Flucht und versorgt sie mit Sachspenden, die der Verein von den Menschen bekommt." Der Zweck des Vereins ist die Förderung der Beziehung zwischen Deutschland und der Ukraine. Dabei geht es um die kulturellen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und humanitären Aspekte und die Erhaltung der ukrainischen Kultur und Tradition. Auch mit Bamberg: UA steht Olga im engen Kontakt. Der Ukrainische Verein aus Bamberg sammelt Geld- und Sachspenden und bringt diese in das betroffene Land. Der Verein benötigt aber ebenso freiwillige Helfer:innen sowie Fahrer:innen. Auch hier verweist das Team des Vereins auf Solidarität: Wichtig ist, dass Du Dich gut informierst und andere Menschen auf die aktuelle Lage aufmerksam machst.

Nicht alle Russ:innen haben schuld

Sie selbst hat eine starke Verbindung mit Russland. Ihre Muttersprache ist russisch und sie kennt viele Künstler:innen aus diesem Land, mit denen die Ukrainerin schon einige Projekte durchgeführt hat. Auch einige ihrer Freund:innen kommen aus Russland. "Eine Freundin erhielt vor einiger Zeit einen Brief, indem stand, sie solle das Land verlassen. Natürlich war dieser Brief anonym und es war kein Absender darauf zu finden." Bei solchen Geschehnissen machen sich Wut und Unverständnis in Olga breit. "Der wahre Feind sind nicht die Bürger aus Russland selbst." Sie appelliert an jede:n, nicht gleich alle Russ:innen in einen Topf zu schmeißen. Dafür ist es aber umso wichtiger, findet Komarova, dass russische Meinungsbilder Statements abliefern, damit dieses Benehmen nicht mehr vorkommt. "Dadurch schützen sie so auch ihre eigene Coummunity.", sagt Olga.

"Sei laut und zeige Dich der Politik"

Olga findet es ebenso wichtig, zu protestieren. "Durch das Protestieren kommunizieren wir mit der Politik. Wir zeigen ihnen, dass das Volk unzufrieden ist." Proteste sind ein guter Kommunikationsweg zwischen Bürger und der Politik. "Vergangene Woche war ich auf einer Demo am Kornmarkt. Durch die Demonstration haben wir unsere Solidarität mit dem angegriffenen Land bekundet.", erzählt sie mir.

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