Unter der "FOMO: Fear of missing out" leidet nicht nur unser soziales Umfeld, sondern auch die Psyche. 
© Pexels.de/ROMANODINTSOV
fein leben
05.07.2022, 08:45 Uhr

Hand aufs Herz: Fear of missing out (FOMO)

Die Pandemie ist zwar noch nicht komplett überstanden, trotzdem kehrt die Welt langsam zur Normalität zurück. Clubs, Festivals, Konzerte, Partys und Reisen dürfen wieder stattfinden. Es gibt also tausende Möglichkeiten, wie Du einen perfekten Sommer verbringen kannst. Wäre da nicht diese Angst, Du könntest etwas verpassen, sobald Du Dich für eine Optionen entscheidest oder sie aus einem Grund nicht wahrnehmen kannst. Über diese Angst, die sich "fear of missing out" nennt, hat sich unsere Autorin Lara ein paar Gedanken gemacht.

Es gibt zu viele Möglichkeiten

Ein Samstagabend im Sommer 2022. Shit! - Ich wurde zu einer WG-Party eingeladen (die Leute wären enttäuscht, würde ich nicht kommen), parallel findet ein Gratiskonzert statt und eigentlich hatte ich meiner besten Freundin versprochen, sie heute Abend zu sehen, da sie gerade eine Trennung durchmacht. Für welche Option entscheide ich mich? Oder kriege ich es irgendwie hin, alles unter einen Hut zu bringen? Vielleicht könnte ich erst auf die Feier und anschließend zu meiner besten Freundin. Dennoch: Irgendwas werde ich wohl oder übel sausen lassen müssen. Ich entscheide mich für meine beste Freundin. Jedoch verspüre ich den ganzen Abend über eine seltsame Unruhe. Ständig checke ich mein Instagram-Profil, um die Aktivitäten der WG-Feier und des Konzertes zu verfolgen, erhalte Nachrichten mit Bildern und Videos, auf denen Leute zu sehen sind, die mir reindrücken, was ich gerade verpasse. Warum fällt es mir so schwer, den gegenwärtigen Moment zu genießen? Ich habe mich doch bewusst dazu entschieden, für meine Freundin da zu sein. In diesem Zustand bin ich keine gute Ablenkung.

Die Angst ist im ganzen Alltag wiederzufinden

Vielleicht kennst Du ähnliche Situationen aus dem Alltag. So schön die zurückgewonnene Freiheit auch ist, das Mehr an Möglichkeiten kann manchmal auch überfordern. Es lässt sich schwer gestalten, alle Prioritäten in ein Wochenende zu packen. Fünf Freund:innen treffen, auf vier Partys gehen, gleichzeitig Zeit für sich selbst einräumen und die Familie besuchen. Du musst also die ein oder andere Feierei streichen. Wenn Du Dich aber für eine Option entschieden hast, bist Du unzufrieden, da Du alle anderen Möglichkeiten verpasst. Das Versäumte wird Dir anschließend via Social Media unter die Nase gerieben.

Die vergangenen sechs Wochen haben mich sehr aus der Bahn geworfen. Ich hatte Corona, anschließend Pfeiffersches Drüsenfieber. In dieser Zeit musste ich einen Trip nach Berlin, zwei Festivals, sowie unzählige Partys und Konzerte sausen lassen. Das Gefühl: Angst etwas zu verpassen. Tagein, tagaus lag ich im Bett und verfolgte die Aktivitäten anderer. Dabei schwirrte nur ein Gedanke durch meinen Kopf: "Ich verpasse etwas." Da sechs Wochen eine sehr lange Zeitspanne sind, habe ich irgendwann gelernt zu akzeptieren, dass mein Körper und meine Gesundheit die größte Priorität haben, als dass ich mich auf eine Feier quäle, nur um nichts zu verpassen. Das war der Knackpunkt, an dem ich zu dem Entschluss kam, mich von dieser Angst zu lösen und loszulassen.

So schön die zurückgewonnene Freiheit auch ist, das Meer an Möglichkeiten kann manchmal auch Überfordern.
Pexels.de/AndrewNeel

Auch im Internet finden sich diverse psychologische Tipps zu "FOMO", darunter beispielsweise:

1. Social media Detox

2. Dankbarkeit praktizieren (am besten schriftlich)

3. Sich nicht mit anderen Vergleichen

4. Bewusste Entscheidungen treffen

Woher kommt die "Fear of missing out"?

Wir treffen Entscheidungen im Alltag so oft aus externen Gründen. Diese sind meist Anerkennung und Zugehörigkeit. Aber Hand aufs Herz: ist Anerkennung von Draußen wirklich wichtiger als Deine mentale Gesundheit? Geht es Dir wirklich gut, wenn Du völlig übermüdet auf Event XY aufkreuzt, da Du die letzten drei Tage durchgemacht hast, nur damit Du dabei sein kannst? Oder wenn Du den Menschen um Dich das Gefühl gibst, die zweite Wahl zu sein, da Du parallel lieber auf fünf anderen Veranstaltungen antanzen würdest?

Ich glaube diese Entscheidungsunfähigkeit ist primär ein Problem unserer Generation. Wir werden nicht umsonst die "Generation Maybe" oder "die Entscheidungsunfähigen" genannt. Es stimmt - wir haben tausende Optionen und würden am liebsten alle wählen. Da draußen warten unzählige Berufe, Menschen, Orte und Aktivitäten, die wir täglich missen. Man entscheidet sich für einen Weg und verpasst dabei Milliarden andere. Unsere Aufgabe ist nur, zu den Entscheidungen, die wir treffen, zu stehen und diese mit vollem Bewusstsein durchzuziehen. Denn im Endeffekt verpasst Du nur eines: den gegenwärtigen Moment. Und ohne den verpasst Du Dein ganzes Leben.


Hand aufs Herz: Wo hört die Selbstliebe auf und wo beginnt der Optimierungswahn?

fein leben
29.06.2022, 13:12 Uhr

Hand aufs Herz: Wo hört die Selbstliebe auf und wo beginnt der Optimierungswahn?

Hand aufs Herz: Wie wird man als Langschläfer zum Frühaufsteher?

fein leben
05.06.2022, 09:27 Uhr

Hand aufs Herz: Transformation vom Langschläfer zum Frühaufsteher

Hand aufs Herz: Ist es noch zeitgemäß, Kinder zu kriegen?

fein leben
08.05.2022, 14:00 Uhr

Hand aufs Herz zum Muttertag: Ist es noch zeitgemäß Kinder zu kriegen?

Lara Hitzemann