Nichts kann Bernadette so entspannen wie gute Hörstücke. Hier kommen fünf Doku-Podcast-Tipps.
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fein leben

Geschichten über Menschen, das Gestern und gegen den Hass: 5 Tipps für alle Doku-Podcast-Freunde

Draußen ist es grau und schmuddelig, die Sonne scheint sich irgendwie auch nicht mehr so wirklich dran zu erinnern, was eigentlich ihr Job ist, und außerdem ist ja sowieso nichts los. Perfekte Umstände also für ein anregendes Hörvergnügen! Bernadette stellt Dir ihre fünf liebsten Doku-Podcasts vor, die auch regionalen Bezug haben.

Ich glaube ja, Geräusche und Töne haben was Magisches. Wirklich. Geräusche und Töne bringen mich fort.

Es gibt wenig, das mich so entspannen kann, wie gut gemachte Hörstücke. Es gibt wenig, das mich so aufwühlen kann, wie gut gemachte Hörstücke. Wenig, das meine Fantasie so anfixt und mir so unmittelbar durch das Trommelfell mitten ins Herz schießt.

Und - cheesy but true - ich mag Menschen. Und ich mag ihre Geschichten. Und wenn mir die dann jemand mit Tönen erzählt... mmmh.

Für diese Zeit, in der das neue Jahr so langsam anrollt, ohne dass man so genau weiß, ob man eigentlich schon bereit dazu ist, kommen hier meine fünf Perlen aus der Doku-Podcast-Landschaft.

180 Grad - Geschichten gegen den Hass

Eine Perle in der Doku-Podcat-Landschaft über das Überwinden von Vorurteilen und gesellschaftlichen Gräben: 180 Grad - Geschichten gegen den Hass.
Screenshot hundert-achtzig.de

Mit Corona wurde alles ja mit einem Mal viel lauter. Als hätte man einmal ein Megafon auf die Welt gelegt. Die Impfgegner, die Gegner der Impfgegner, die Leugner, die Unzufriedenen, die Schwurbler, die Hardliner, die Gegner der Hardliner... Alles ist so laut. Manchmal so, dass es bis an den Küchentisch der WG oder der Familie widerhallt.

Und dabei wirkt Corona vermutlich auch nur wie eine Art Stereo-Verstärker, denn wenn wir uns an eine Zeit "davor" erinnern, geisterte schon damals die "Spaltung der Gesellschaft" durch die Medien, Talkshows, Alltagswelt.

Ehrlich gesagt, macht mir das meistens ganz schön viel Angst. Und dann fühle ich mich manchmal wie gelähmt und höre all den Lärm nicht mehr, weil mein lauter Puls in den Ohren hämmert.

Bastian Berbner kennt diese Angst auch. Drei Jahre lang hat er in acht verschiedenen Ländern recherchiert und Menschen getroffen, die ihre Vorurteile und ihren Hass überwunden haben, überwinden mussten, die das Leben dazu gezwungen hat, die Gräben um sich rum ein bisschen aufzuschütten. Die Geschichten, auf die er gestoßen ist, erzählt er in 180 Grad seiner Kollegin Alexandra Rojkov. Zum Beispiel von seiner Begegnung mit Harald Hermes, der keine Muslime in Deutschland möchte. Und der sich plötzlich damit auseinander setzen muss, dass in seiner unmittelbaren Nachbarschaft eine Unterkunft für Geflüchtete entsteht. Oder von der absurd klingenden Idee eines ostdeutschen Extremsportlers mit zwei Neonazis und zwei Punks durch die Wüste zu reisen. Gemeinsam hören sich Basti und Alex Interviewschnipsel an, sprechen über ihre Fragen und Gedanken. Und überlegen dabei vor allem: Was können wir aus diesen Geschichten lernen? Wie könnten wir die Gesellschaft gestalten, dass der Hass wieder ein bisschen leiser wird?

Für mich ist dieser Podcast wirklich eine Schatz in der Doku-Podcast-Landschaft! Das Schöne: Ich fühle mich abgeholt und in meinen Sorgen ernst genommen - gleichzeitig aber auch sehr inspiriert und aktiviert. Der letzte Ton verhallt und auf meine Lippen stiehlt sich ein Lächeln, weil: "Guck mal, es geht doch. Wir können das schon hinkriegen."

180 Grad - Geschichten gegen den Hass ist eine Podcast-Reihe des NDR mit insgesamt acht Folgen - sieben davon mit den recherchierten Geschichten von Bastian Berbner und ein Special zum Abschluss. Im August 2019 war der Podcast zum ersten Mal zu hören, im Februar 2020 wurde schließlich die letzte der je 50 Minuten langen Folgen ausgespielt.

Du kannst 180 Grad am besten in der ARD-Audiothek hören oder auf der eigenen 180 Grad-Seite. Aus dem Podcast und Berbners Recherchen ist schließlich auch ein Buch entstanden, das unter gleichnamigen Titel veröffentlicht ist.

Saal 101

Saal 101: Der Bayerische Rundfunk hat die Gerichtsprotokolle des NSU-Prozesses zu einem Dokumentarhörspiel gemacht.
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Zehn Morde, drei Bombenanschläge, 15 Raubüberfälle - Die Selbstenttarnung und somit das Bekanntwerden der Verbrechen des NSU wird oft als "Zäsur" beschrieben. Als etwas, das also alles bisher Dagewesene übertrifft und nachdem nichts mehr so weitergehen kann wie zuvor. Ist es so? 2021 jährte sich der Mord an Enver Simsek aus Nürnberg zum 20. Mal. Drei der Opfer wurden in Nürnberg getötet, ein Bombenanschlag fand hier statt. Im Juli 2018 wurde nach fünf Jahren Prozess das Gerichtsurteil im Saal A 101 des Oberlandesgerichts in München gesprochen. Und trotzdem ist so vieles noch unausgesprochen und unaufgeklärt.

Der Bayerische Rundfunk hat im vergangenen Jahr ein 24-teiliges Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess herausgebracht. Kern dieser Reihe sind die Gerichtsprotokolle, die auch in schriftlicher Form veröffentlicht sind. Allerdings werden in Saal 101 diese Protokolle zu Themenkomplexen (wie etwa: "Jugend in Jena-Winzerla" oder "Der Verfassungsschutz und der NSU") verdichtet, kommentiert und eingeordnet.

Diese Verdichtung macht es zum einen ganz pragmatisch leichter zuzuhören, zum anderen lassen sich so aber auch Zusammenhänge besser erkennen und verstehen: Die Wiedervereinigung und rechtsextreme Tendenzen gerade in Ostdeutschland. Eine starke Neonazi-Szene in den 90er-Jahren, in denen sich schließlich auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt radikalisierten und schließlich in den Untergrund abtauchten.

"Saal 101" ist ein sehr erschreckender und aufwühlender Podcast über einen wichtigen Teil unserer Zeitgeschichte. Ich habe allerdings auch festgestellt, dass ich diesen Podcast nicht in jeder Gemütsverfassung hören kann - zu stark ist sonst manchmal der Impuls, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und mir dabei zu denken: "Menschen sind schlecht, die Welt ist schlecht, und ich bleibe deswegen für den Rest meines Lebens unter dieser Decke!".

Jede Folge dauert etwa eine halbe Stunde lang und ist sowohl in der ARD-Audiothek als auch auf der Seite des Bayerischen Rundfunks zu hören.

Zwischenfälle:

Die Erlanger Historikerin Nadja Bennewitz und der Nürnberger Journalist Michael Liebler sprechen in "Zwischenfälle" über berühmte Köpfe und Unvorhergesehenes. Auch mit Bezug zur Region. 
Screenshot von http://bennewitz-frauengeschichte.de/

Laut Duden ist ein Zwischenfall ein "unerwartet eintretendes Vorkommnis, das den Ablauf der Ereignisse unterbricht.". Der Erlanger Historikerin Nadja Bennewitz und dem Nürnberger Journalisten Michael Liebler geht es um genau diese Zwischenfälle in der Geschichte: Den vermeintlich kleinen historischen Ereignissen und Persönlichkeiten, deren Fäden und Auswirkungen sich doch noch bis ins Heute ziehen. Wusstest Du zum Beispiel schon, wer Bertha Kipfmüller war und warum sie als "Frauenrechtlerin des Frankenlandes" gilt? Oder dass in der Nürnberger Gartenstadt ein Zwangsarbeitslager von Siemens für die Rüstungsindustrie gewesen ist? Oder was Hannah Höch als Grande Dame des Dada eigentlich so gemacht hat? Es sind die Geschichten unter dem kanonischen Radar, die Bennewitz und Liebler interessieren, meist mit regionalem Bezug. Der Schwerpunkt liegt dabei meistens auf dem Aufbegehren gegen und dem Aufbrechen von hegemonialen und patriarchalen Strukturen.

Die "Zwischenfälle" sind ein sehr informativer und hochinteressanter Podcast für alle Geschichtsnerds und solche, die es werden wollen, der trotzdem kurzweilig und erfrischend daher kommt. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder abends beim Abspülen.

Du kannst die Reihe live on Air anhören, jeden 1. Freitag im Monat bei Radio Z (95,8 MHz). Oder natürlich im Internet. Dort gibt es auch alle Folgen zum Nachhören. Jede Folge dauert etwa eine knappe halbe Stunde.

Oury Jalloh & Die Toten des Polizeireviers Dessau

Empörend und Erschütternd: Margot Overaths fünfteiliger Podcast über Oury Jalloh.
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Über diese Feature-Reihe bin ich einmal ganz zufällig gestolpert: Ich saß im Zug nach irgendwohin, den Kopf an das kühle Fenster gelehnt, Bäume, Hochspannungsleitungen, Brücken, Wasser zischen an mir vorbei. Und dann hat mich das, was ich da hörte, so gepackt und mitgenommen, dass ich, als ich wirklich im allerallerletzten Moment aus dem Zug stieg, erstmal ein paar Schritte den Bahnsteig entlang stolpern und mich sortieren musste, noch immer ganz belämmert, noch immer ganz weit weg.

In dieser fünfteiligen Feature-Serie erzählt Margot Overath von ihren Recherchen zu Oury Jalloh. Im Jahr 2005 ist der Asylbewerber aus Sierra Leone im Polizeigewahrsam in Dessau ums Leben gekommen. Verbrannt. Er soll sich in seiner Zelle selbst angezündet und sich so das Leben genommen haben. So jedenfalls die offizielle Version vor Gericht. Inoffiziell sprechen sämtliche Indizien und Zusammenhänge dagegen. Ist Oury Jalloh tatsächlich von den Polizeibeamten zunächst schwer verletzt und dann getötet worden?

Eine sehr erschütternde und empörende Dokumentation! Und nach wie vor hochaktuell: Erst kürzlich ist durch einen britischen Gutachter die These gestützt worden, dass Oury Jalloh ermordet worden ist. Sämtliche Recherchen von Jounalist:innen oder Gutachten von privaten Initiativen kommen zu diesem Schluss. Die offizielle Wahrheit vor Gericht ist allerdings eine andere. Vielleicht auch deshalb, weil - ein Satz, der sich mir besonders ins Gedächtnis gebrannt hat - "nicht sein kann, was nicht sein darf."

Als Feature-Serie wird hier von Margot Overaths Recherchen und Oury Jallohs Tod mehrstimmig erzählt, was die Reihe außerdem zu einem spannenden und facettenreichen Hörerlebnis werden lässt.

Overath hat die Reihe für den WDR gemacht, jede Folge dauert etwa eine halbe Stunde lang. Am besten kannst Du "Oury Jalloh - Die Toten des Polizeireviews Dessau" in der ARD-Audiothek nachhören.

Die Frage

Vielleicht kennst Du "Die Frage" schon. Eigentlich produziert das Puls-Team vom Bayerischen Rundfunk die Sendung für den Youtube-Chanel von funk. Seit ein paar Wochen gibt es jetzt "Die Frage" (wie vor einigen Jahren schon einmal) aber auch wieder regelmäßig im Podcast-Format.

Der Reporter Frank Seibert möchte mit seiner Kollegin Lea-Sophie Scheurel im besten Fall berühren und die Schubladen in den Köpfen der Menschen aufbrechen, in dem er mit Menschen über ihr Leben spricht und so versucht, Antworten auf komplexe Fragen zu finden. So steht es zumindest im Zielepapier der Sendung. Ganz konkrete, einfache Antworten findet er meistens natürlich nicht. Stattdessen begleitet er einen Menschen in seinem Alltag, erzählt ein Einzelschicksal, das Große im Kleinen. Dabei nimmt sich das Team vor allem auch gesellschaftlicher Tabus an. Um Sexarbeit geht es dann zum Beispiel, um psychische Erkrankungen, um Tod.

"Die Frage" ist an vielen Stellen sehr berührend, auch weil das Team es schafft, ihre Protagonist:innen ganz nah an den Hörer / die Hörerin zu bringen. Hauptverantwortlich ist dafür sicherlich Frank Seibert, der mit seinen einfühlsamen und weitsichtigen Fragen die Sendung absolut trägt. Cool ist auch, dass mit seiner Kollegin Lea-Sophie Scheurel nun auf manche Themen auch noch ein "weiblicher Blick" geworfen wird.

"Die Frage" gab es bis 2018 schonmal online als Podcast bei BR Puls. Nach einer kleinen Pause sind jetzt wieder neue Folgen zu hören, die etwas versetzt zur Youtube-Reihe jeden Donnerstag neu erscheinen. Jede Folge dauert Pi mal Daumen 40 Minuten. Du kannst den Podcast entweder in der ARD-Audiothek hören, aber auch über Spotify und andere Streaming-Dienste.

Feines auf die Ohren rund um das Thema Klimawandel findest Du übrigens hier:

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Und für das leibliche Wohl zwischen all dem Futter für den Kopf - das hier sind unsere liebsten Neueröffnungen 2021:

Bernadette Rauscher