Die Vision: Produkte wertschätzen und auf Ressourcenverschwendung aufmerksam machen.
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feine Stadt

Feine Ware: Mit Ecken und Kanten

Was es hier zu kaufen gibt, ist aussortiert und unperfekt: Schönheitsfehler, altes Design, Mindesthaltbarkeit abgelaufen. So verschieden sind die Gründe, warum ein Produkt bei Mit Ecken und Kanten dabei ist.

Nachhaltige und fair hergestellte Produkte, die im regulären Handel nicht mehr verkauft werden können, erhalten eine zweite Chance. Ein ungewöhnliches Outlet für faire und nachhaltige Produkte mit Sitz in Mittelfranken. Die befinden sich trotz Unperfektheit oft in einwandfreiem Zustand, und das für einen günstigeren Preis. In jeder Preiskategorie ist etwas dabei. Das Sortiment reicht von Mode über Kosmetik bis zu Zero- Waste-Produkten.

Mission Nachhaltigkeit

Jessica Könnecke hat Mit Ecken und Kanten 2017 in Nürnberg gegründet. Rückblickend prägt die 28-jährige eine lange Nachhaltigkeitsgeschichte. Gründen wollte sie eigentlich nicht. Den Auslöser gab eine Fast-Fashion-Doku. Es war klar: In diesem Bereich will sie etwas ändern. Während des Studiums informiert sie sich viel über Nachhaltigkeit. Darauf folgt eine eigene Nachhaltigkeitsrubrik in einer Studentenzeitung, und die Masterarbeit mit einem Fair-Fashion-Start-up. Schließlich hat Jessica dann doch direkt nach dem Studium gegründet – und jetzt einen Online-Shop mit Basis in Fürth.

Jessica im Lager des Unperfekt-Shops.
Nici Schwab Fotografie

Im Austausch mit Start-ups fiel ihr das selbe Problem immer wieder auf: Bei den Herstellern sammelt sich ein Ausschuss an unperfekten Produkten an, der schließlich übrig bleibt. Initiativ kontaktierte sie immer mehr Unternehmen per E-Mail, schrieb interessante Marken wild bei Instagram an, ob sie das Problem kennen – und freute sich, wenn eine Antwort kam.

Der Shop wächst

Gemeinsam mit ihrem Freund Georg hat Jessica den Online-Shop aufgebaut. Er kümmert sich immer noch um die technische Seite. Anfangs lagert sie die Kartons mit der unperfekten Ausschussware unter dem Schreibtisch in der eigenen Wohnung. Bald zieht sie in den Keller ihrer Mutter um, die auch beim Verpacken hilft. Von der Bestellung bis zum regelmäßigen Gang zur Post liegt damals alles in Jessicas Hand. Das Team ist inzwischen gewachsen: 10 bis 12 Personen stecken jetzt hinter Mit Ecken und Kanten.

Mit Ecken und Kanten ist nicht mehr wirklich ein Geheimtipp: Der Shop hat fast 80 Tsd. Abonnenten auf Instagram, und erzielt bei Google mehr Suchergebnisse als die Redewendung. Jessica hat einen Nerv getroffen. „Ich hab schon geglaubt, dass Leute nachhaltig leben wollen.“

Community in Nürnberg, Fürth und Erlangen

Im September ist das Team mit dem Lager nach Fürth umgezogen, von wo aus sie teilweise nach ganz Europa liefern. Der Fokus liegt auf Deutschland, wo sie den größten Kundenstamm haben. Dass sie im Raum Nürnberg, Fürth, Erlangen eine große Community haben, merken sie bei ihren Bestellungen schon. Zu Beginn hatte Mit Ecken und Kanten sogar noch ein Ladengeschäft, das erst einmal wöchentlich, dann monatlich geöffnet war. Nun bündeln sie ihre Ressourcen für den Online-Shop. Eine transparente Kommunikation des Konzepts Mit Ecken und Kanten ist ihnen ein Anliegen. Blog und Community gehören zum Gesamtpaket: „Wir sind kein reiner Shop, wir sehen uns eher als Plattform und wollen auch inspirieren und informieren.“

Jessica nutzt Instagram nach wie vor als starke Inspirationsquelle. Ein wichtiger Bestandteil ist es, Kooperationspartner zu gewinnen, deren Produkte sie weiterverkauft. Dass der Unperfekt-Shop eine ständig wechselnde, einmalige Auswahl hat, ist dem Konzept geschuldet. Bei der Auswahl neuer Kooperationspartner ist auf die engagierte Community Verlass. Über den aktiven Instagram-Kanal des Shops holt sich das Team über Umfragen Feedback. „Da kommt auch was zurück, das macht viel mehr Bock.“ Dann kontaktieren sie Marken, sogar größere wie Armedangels. Jessica kooperiert auch gerne mit kleinen neuen Start-ups. Ihr gefällt der Gedanke, dass Leute bei ihnen auf neue coole Marken stoßen. Doch es gibt auch Produkte, die es nicht in den Online-Shop schaffen. Denn der Qualitätsanspruch ist da.

Kein Kanal für Greenwashing

Bei der Auswahl orientiert sich Mit Ecken und Kanten an den der Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. „Nachhaltigkeit meint nicht nur nachhaltige Produkte, sondern auch den Umgang mit Partnern, mit Mitarbeitenden.“ Mit ihren Partnern handeln sie einen fairen Preis auf Augenhöhe aus. Trotz der Eigenheiten der Produkte bekommen sie diese ja nicht umsonst. Auch beim eigenen Arbeitsklima wird mit 35 Stunden in Vollzeit aufeinander geachtet. Sie wollen mit dem Shop kein Kanal für Greenwashing sein und lehnen auch Kooperationen ab.

Vergleichbare Shops - die eben nicht gebrauchte, sondern aussortierte Waren verkaufen - gibt es im Lebensmittelbereich immer mehr (z.B. veggie specials). Mit Ecken und Kanten unterscheidet sich davon durch dem Fokus auf Lifestyle-Produkte. Ähnliche Konzepte gibt es auch für nicht-nachhaltige Produkte. Von Billig-Ramsch-Läden grenzen sie sich ganz bewusst ab: „Bei diesem Verramschen habe ich Skepsis, mir ist Qualität und Hochwertigkeit wichtig. Ich find diesen Preiskampf irrsinnig, da will ich weg.“

Jessica Könnecke hat Mit Ecken und Kanten 2017 gegründet.
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Mit Ecken und Kanten verkauft nachhaltige Produkte, macht sie mit dem Preis für eine breitere Masse zugänglich und schont Ressourcen. Die Balance zu halten ist eine Kunst: hochwertige Produkte billiger verkaufen, aber dennoch ihren Wert schätzen.


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Ressourcen wertschätzen

„Wir sind ein Unperfektshop für faire und nachhaltige Produkte. Unsere Vision ist die Wertschätzung von Produkten, und auf Ressourcenverschwendung aufmerksam zu machen“, so formuliert es Jessica präzise. Dazu gehört auch Aufklärungsarbeit. „Ressourcenverschwendung gibt es nicht nur im Lebensmittelbereich, sondern auch bei Alltagsprodukten.“ Jessica kämpft dagegen an und hat sich mit Mit Ecken und Kanten auf aussortierte Ware spezialisiert. Ihre Devise: „Konsumiert trotzdem mit Bedacht und kauft, was ihr braucht.“

Die Produkte für den Online-Shop werden sorgfältig ausgewählt.
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Einige der eigenwilligen Produkte kommen besonders gut an. „Jetzt im Lockdown sind Yogamatten schnell ausverkauft und gefragt. Oder bestimmte Rucksäcke, Chips – und Zero-Waste-Produkte wie Seifen.“ Als Geschenk eignen sich die Unperfekt-Boxen: Besondere Produkte sind darin thematisch zusammengestellt.

Luft nach oben

Der Handel im Allgemeinen kann noch ressourcensparender werden, findet Jessica. „Online Handel hat super viel Potenzial um noch nachhaltiger zu sein“, erklärt sie. Angefangen bei Verpackungsmaterial über Versanddienstleister bis zu Mehrwegverpackungen. „Da ist tendenziell noch viel Luft nach oben.“


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Anna Sturm