Insectarian hat gemeinsam mit dem Nürnbäcker nachhaltiges Brot aus Insektenmehl entworfen.
© Selina Goller
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Feine Ware: essbare Insekten bei Insectarian

Bei Insectarian kannst Du essbare Insekten im Internet bestellen. Vom Chili Würmchen über Triple Sweet bis zum Salat mix Heimchen reicht das Angebot des Online-Shops. Granit Demiri und Konstantin Brotz verkaufen Insekten zum Snacken, Backen und Kochen - und informieren rund um den Verzehr. Ein umweltfreundlicher Beitrag zur Lebensmittelindustrie.

Granit und Konstantin kümmern sich als Geschäftsführer zu zweit um alles bei Insectarian. Beruflich kommen die zwei aus dem Bereich der Sozialversicherung. Sie lernen sich als Kollegen bei der AOK kennen. Neugierig bestellen sie 2019 auf der Arbeit versuchsweise Insekten im Internet. Diese getrockneten Heuschrecken sind die ersten essbaren Insekten, mit denen sie selbst in Berührung kommen sind.

Der Weg zum Lebensmittel-Shop

Das ist der Ausgangspunkt ihrer Idee. „Es gibt in diesem Bereich gute, hochwertige Shops. Doch es ist schwer, kleine Händler zu finden. Es gibt keine generelle Plattform“, stellen sie bei ihrer Recherche fest. Die 23-Jährigen haben beide bereits Gründungserfahrung. Seit Ende 2020 ist ihr Shop online, in dem sie essbare Insekten von ausgewählten Anbietern verkaufen. Bisher können die Nahrungsmittel bei Insectarian nur online erworben werden. Eine Verkaufsfläche bietet sich noch nicht an. Granit und Konstantin spezialisieren sich auf essbare Insekten und verbinden damit eine bestimmte Vision. Der Marken-Name – Insectarian – erinnert an die Bezeichnung „vegetarian“ und suggeriert in Anlehnung daran eine neue Ernährungs- und Lebensart. Die Produkte sollen jedoch nicht nur Vegetarierinnen und Vegetarier ansprechen. Es geht um den Gedanken, bewusst gute Produkte in die Ernährung einzubinden.

Ihr Wunsch ist es, Insekten als Lebensmittel zu etablieren. In einigen anderen Ländern wie den Niederlanden, Belgien oder Jamaika gehören Insekten längst zur regulären Ernährung. Neben dem Shop spielt bei Insectarian der Community-Gedanke eine große Rolle. Eigene Blogbeiträge der Userinnen und User sollen zum Erfahrungsaustausch anregen. Granit und Konstantin moderieren den Austausch in den Beiträgen und inspirieren mit Rezept-Empfehlungen, denn: Das Auge isst mit. Und – zugegeben – so eine gegrillte Heuschrecke sieht auf den ersten Blick nicht unbedingt appetitlich aus. Mit diesem Fokus auf gemeinsame Erfahrung und Austausch möchten die beiden auch eine Art Aufklärungsarbeit leisten.

Nachhaltigkeit bei der Herstellung

Die nachhaltige Herstellung ist der ausschlaggebende Punkt, der essbare Insekten auf dem Ernährungsmarkt so relevant macht. Die jährlich steigende Fleisch-Produktion ist nicht zuletzt wegen ihrer hohen Öko-Bilanz zu hinterfragen. Der geringere Wasserverbrauch ist einer der Punkte, bei denen die kleinen Tiere besser abschneiden. Auch Tierwohl-Kriterien sind leichter einzuhalten. Die Insekten können ohne Schmerzbewusstsein in größeren Mengen gehalten werden und zeigen weniger Anfälligkeit für Krankheiten. Allgemein werden weniger Emissionen ausgestoßen, was beispielsweise der geringe Platzverbrauch erklärt. Neben nachhaltigen Produktionsbedingungen spielt auch Regionalität eine Rolle für nachhaltigen Handel. Lokale Händler versorgen Insectarian mit Waren aus Deutschland und Österreich. Aus dem Insectarian-Lager in Fürth heraus versenden Granit und Konstantin dann die Produkte an ihre Kundschaft.

Eigene Insekten züchten

Insekten-Larven aus der Zuchtphase.
Konstantin Brotz
Erste Versuche zur eigenen Insekten-Zucht wurden 2019 in Zusammenarbeit mit Prof. Martin Klingler von der FAU unternommen. Klingler vom Department Biologie beriet Granit und Konstantin beim Umgang mit der Zuchtbox und Tierwohl-Fragen. Die Testphase lief zwar erfolgreich an, allerdings bereitete ihnen die hohe, für die Zucht erforderliche Temperatur Schwierigkeiten. Der Knackpunkt ist ja, dass Emissionen eingespart werden sollen. In Zukunft soll zu ihrer Plattform mit Online-Shop noch eine Hausmarke aus eigener Produktion hinzukommen. Dafür stellen sie sich Problematiken wie Isolierung und Heizung - dabei lassen sie sich von Klimaexperten beraten. Indoor-Container, Klimazellen und Solar- oder Blockheizkraft sind Lösungsideen, mit denen sich die Gründer beschäftigen.

Wie schmecken Insekten?

Wonach schmecken Insekten? Das ist wohl die Frage aller Fragen. Konstantin ruft sich die Insekten-Verkostung in Erinnerung: „Es ist schon 'ne Überwindung, da rein zu beißen. Als würden Chips nach Nuss schmecken.“ Er umschreibt den Geschmack als nussige Note mit einem Aroma von Walnuss. Es gibt auch Insekten, die ein bisschen nach Popcorn schmecken. Diese erste Reaktion auf den Verzehr von Insekten beobachtet Konstantin häufiger: „Am Anfang ist es Neugier, positiv und negativ. Bei denen, die sich überwinden, folgt dann oft eine positive Überraschung.“ Konstantin verrät uns seinen Liebling-Tipp für Rezepte mit essbaren Insekten: kleine geröstete Insekten im Salat oder Insektenbrot. Für Neulinge im Insekten-Food empfiehlt er karamellisierte Mehlwürmer als Snack.

Insekten als Nahrung der Zukunft

Gemeinsam mit dem Nürnbäcker hat Insecatrian ein Insektenbrot entwickelt. Damit stießen sie auf positive Rückmeldungen und große Nachfrage. Immer mehr Leute kommen nun für eine Kooperation auf sie zu: „Wir hätten niemals damit gerechnet. Das hat uns überwältigt.“ Konstantin ist positiv gestimmt, dass Insektenmehl und andere Produkte in Zukunft vermehrt in unseren Alltag einziehen. „Das Handelsvolumen vergrößert sich in diesem Bereich“, erklärt er. Ob Insektenbrot beim Bäcker oder Snacks aus Würmern – die Ernährungsbranche scheint sich zu verändern. „In ein oder zwei Jahren wird das ein oder andere Produkt in den Supermarktregalen erhältlich sein“, so seine Prognose. Eine Veränderung unserer Ernährungsweise und der Ernährungsbranche wird nicht nur kommen, sie ist sogar nötig, sagt er: „Es muss sich auf jeden Fall was tun. Ob nur Insekten dazu beitragen, sei dahin gestellt.“

Anna Sturm