Zusammen gegen Rassismus: Das sollte unser aller Credo sein!
© Robert Günther
fein leben

Deep Talk Dienstag: Alltagsrassismus

In unserer Kolumne am Deep Talk Dienstag stellen wir uns den großen Fragen des Lebens und des Alltags. Heute zeigt Lea, welche Rolle Rassismus im Alltag spielt und wieso jeder und jede davon betroffen ist.

Was ist Rassismus?

Laut dem Wörterbuch bezeichnet das Wort "Rassismus" die gesellschaftliche Stellung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufgrund festgelegter biologischer oder ethnisch-kultureller Merkmale, die von Natur aus über- oder unterlegen sein sollen. Menschen, die einer Minderheit angehören, werden durch ihre „Andersartigkeit“ gegenüber der großen Mehrheit diskriminiert, ausgegrenzt und verachtet.

Der Rassismus hat seine Ursprünge in (europäischen) Kolonialisierungsbewegungen des 16. Jahrhunderts. "Entdecker" standen vor für sie völlig fremden Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Traditionen. Das Spannungsverhältnis, das sich durch ihre eurozentristischen Maßstäbe ergeben hat, führte nicht zu einem Vertrautmachen der beiden unterschiedlichen Lebenswelten, sondern zu einer Machtübernahme seitens der Kolonialherren. Der Terminus "Rasse" wird verwendet, um Menschen zu unterteilen, ihnen durch Stereotypen, die in der Gesellschaft verbreitet sind, Labels aufzudrücken, die nicht das Wesen des Individuums bewerten, sondern die (Nicht-)Zugehörigkeit zur Mehrheit. Obwohl Gesellschaftsprozesse über Rollenbilder und Umschreibungen funktionieren, schaffen und reproduzieren diese generalisierende und fälschliche Stereotypen durch festgefahrene Bilder von Minderheiten.

Nicht erst seit dem Mord an George Floyd vor knapp über einem Jahr und den darauffolgenden Protestbewegungen auf der ganzen Welt, sondern seit Jahrhunderten stellt sich die Frage, wieso Unterschiede im Aussehen, der Herkunft, der Religion oder der Sprache von Menschen verfeinden, dazu führen, einen in der Hierarchie der Gesellschaft auf- oder absteigen zu lassen.

Für wen die Black-Lives-Matter Bewegungen und die Proteste in den USA zu weit weg zu sein scheinen, ist nicht weniger tangiert. Denn auch hierzulande ist Schwarzsein alles andere als easy. Vorab: Anzumerken gilt, dass es zwischen Europa und den Vereinigten Staaten nicht wenige kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede gibt, die bei der Analyse der Rolle der Schwarzen einbezogen werden sollte. Dennoch verbindet sie eine Tatsache, die international feststellbar ist: Der Rassismus teilt die Gesellschaft.

Ja, ich kann Bayrisch sprechen!

Doch wann bin ich rassistisch? Was kann und sollte man (nicht) sagen?

Mit dem Irrglauben, dass nur Neonazis (als krasses Extrembeispiel mit ihren Parolen und Hakenkreuzen) eine Grenze überschreiten würden, muss schleunigst aufgeräumt werden! Denn: die Grenze zwischen "an"- und "unangebracht" kann extrem schnell sehr schmal werden!

In Gesprächen im Freundes- oder Bekanntenkreis kommt oftmals die Behauptung auf: "Ich bin doch kein Rassist, nur weil ich ab und an einen Witz über Schwarze erzähle!" Wann und wie schnell jemand mit Albereien die dünne Linie von Jux und Tollerei zur Beleidigung überschreitet, ist eine Frage des Feingefühls und individuell von der Person abhängig. Eine Auswahl folgender Problemsituationen kann wie folgt aussehen:

Person A findet das N-Wort gehöre sich in Rapssongs verboten.

Person B ist damit einverstanden, wenn er als Paradebeispiel für einen guten Tänzer auf einer Fete genommen wird, und schwingt fleißig das Tanzbein zu "Crank That" von Soulja Boy.

Person C lässt sich von neugierigen Fremden in die Haare fassen und nimmt die ständige Fragerei wie "Wäscht du die auch mal? Kann man die kämmen? Sieht voll schön aus, haben möcht' ich die aber nicht!" kommentarlos hin.

Person D hat genug von der Frage "Wo kommst du wirklich her? Wie, aus Bayern? Dein Dialekt ist ja lustig!".

Person E ist daran gewöhnt, dass ihm manchmal Passanten aus dem Weg gehen und die Straßenseite wechseln, wahrscheinlich aus Angst vor "dem bösen schwarzen Mann".

Person E sucht, seit sie denken kann, einen Ort, an dem sie gehört. Denn für Mitglieder aus ihrer schwarzen Community wirkt sie zu hell, zu europäisch, für ihre deutschen Freunde und Freundinnen jedoch "typisch schwarz".

Person F wird auf Dating-Apps oftmals mit "Hey, I love dark chocolate!" angeschrieben.

Person G wird von seinen weißen Freunden und Freundinnen komisch angeschaut, wenn er andere "schwarzer Bruder" oder "schwarze Schwester" nennt.

Person H wird angebettelt, einmal etwas auf "Afrikanisch" zu sagen.

Person I wird gefragt, ob sie sich lieber schwarze, weiße oder moccafarbene Babys wünsche.

Und: Alles unter dem Deckmantel "Gell, du weißt, dass ich des ned so mein".

(Engen) Kontakt zu einer Person aus einer Minderheit zu pflegen, bedeutet nicht einen Freibrief zu haben, der erlaubt alles zu sagen, nur weil man befreundet ist, sondern ist schlicht und ergreifend pure Ignoranz.

Buntes Deutschland - Multikulti for the win

In einer globalisierten (Lebens-)Welt mit Einflüssen aus allen Ecken des Planeten entspricht auch dementsprechend die Bevölkerung einem Potpourri, einem bunten Mix, einem "Meltingpot" oder einer "Saladbowl". In jedem von uns steckt mehr als wir meinen, denn wir sind mehr als die Nationalität, die in unserem Pass steht oder die vermeintliche Zuschreibung "rein deutsch".

Um die Leute nachhaltig zu informieren, statt nur zu maßregeln, verarbeiten viele Künstler ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Ungerechtigkeit in Musikstücken, Büchern, Filmen, Fernsehen. Nura rappt in "Ich bin schwarz": "Was willst denn du mit deinem Rassenhass?/ Ich bin lieber schwarz als todesblass".

Florence Brokowski-Shekete schildert in dem Spiegelbestseller-Roman "Mist, die versteht mich ja" persönliche Erlebnisse aus dem Leben einer Schwarzen in einer überwiegend weißen Gesellschaft, Michail Paweletz vom ARD testet eine bunt gemischte Gruppe auf ihre (anti-)rassistische Einstellung. Vielfältige Ansätze für ein vielfältiges Thema über vielfältige Menschen, um neue Eindrücke zu bekommen in jeder Hinsicht, das Verständnis für andere Kulturen und Religionen zu entwickeln, sich weiterzubilden und schätzen zu lernen, den Horizont erweitern, indem man etwas Weltsicht für sich entdeckt.

Nachfragen statt nachplappern!

Alles sollte damit beginnen, sich grundlegende Fragen zu stellen. Wie beispielsweise: "Was kann unangemessen oder sogar verletzend wirken?", "Wie gehe ich auf eine fremde, wie auf eine bekannte Person zu beim Thema Herkunft, Hautfarbe, Religion, Kultur?", "Ist es in Ordnung ihn oder sie als Vertreter oder Vertreterin einer ganzen Bevölkerungsgruppe herzunehmen? Eigenschaften wie Rhythmusgefühl oder Tätigkeiten wie Drogenkonsum zu verallgemeinern?", "Kann ich in ihrem oder seinem Beisein, das N-Wort mitgrölen?". Wichtig: Nicht jede oder jeder empfindet ähnliche Situationen wie oben genannt als problematisch, deswegen sollte man sich vorsichtig herantasten und sehen, wie die Person reagiert.

Lea Zirkelbach