Alicia Kohl und Vanessa Neuß
© Vanessa Neuß
fein leben
28.01.2022, 16:33 Uhr

Coming-Outs und Diskriminierung: Zwei junge Frauen aus Nürnberg über ihre Liebe

Alicia Kohl und Vanessa Neuß leben in Nürnberg, sind ein Paar und Teil unserer Redaktion. Obwohl sie etwa gleich alt sind, liegen zwischen ihren Coming-Outs zehn Jahre. Für fein raus tauschen sich die beiden offen über ihre Erfahrungen aus, dabei wird deutlich: Zwar wird die Gesellschaft immer toleranter, dennoch müssen gleichgeschlechtliche Paare nach wie vor Hässliches erleben – sogar auf offener Straße.

Vanessa: Weißt du, was mich echt beeindruckt? Du wirkst überhaupt nicht überfordert mit unserer Beziehung. Als ich damals gemerkt habe, dass ich auf Frauen stehe, war das ein Riesending für mich. Bevor ich es jemandem erzählen konnte, habe ich erst einmal Zeit gebraucht, um mich zu finden und zu akzeptieren, dass ich wohl nicht so ganz der damals geltenden Norm entspreche. Und du bist einfach so, wie du bist, und sagst das auch frei raus.

Alicia: Zugegeben, ganz am Anfang habe ich vielleicht noch ein bisschen mehr darauf geachtet, ob uns Leute blöd anschauen. Manchmal erwartet man das ja dann doch. Aber grundsätzlich habe ich tatsächlich keine wirklichen Schwierigkeiten gehabt, das für mich zu akzeptieren. Das liegt bestimmt auch daran, dass sich in den letzten zehn Jahren einiges verändert hat.

fein leben
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Vanessa: Hm, darüber habe ich noch nie so wirklich nachgedacht. Dass du anders damit umgehst, habe ich für mich immer am Alter festgemacht. Ich war ja erst 16, als ich den ersten Menschen in meinem Umfeld davon erzählt habe. Aber ja, bestimmt hat sich auch in der Gesellschaft einiges getan. Aber ist es dir denn gar nicht schwergefallen, Familie und Freundinnen von mir zu erzählen?

Alicia: Bei Freundinnen und Freunden überhaupt nicht. Ob ich ihnen jetzt von einer Frau oder von einem Mann erzählt hätte, das hätte, so glaube ich, für mich und für sie tatsächlich keinen Unterschied gemacht. Das liegt vielleicht auch daran, dass meine Freundinnen und Freunde alle in meinem Alter und damit zumindest auch in einer ähnlichen Bubble sind wie ich. Und in meiner Bubble ist es wirklich komplett egal, mit welchem Geschlecht man eine Beziehung führt oder mit welchem Geschlecht man sich selbst identifiziert. Damit auf die Familie zuzugehen, ist dann doch etwas anderes, obwohl das eigentlich ziemlich bescheuert ist, so zu empfinden. Aber bevor ich es meinen Eltern erzählt habe, war ich schon ein bisschen nervös. Wie war das dann bei dir? Hattest du echt Angst, dass es jemand in deinem engen Umfeld nicht akzeptieren könnte?

Vanessa: Angst nicht, aber ich muss schon sagen, dass es damals noch echt anders war. In der Schule oder in meinem Freundeskreis gab es eigentlich keine queeren Personen. Das war früher eine eigene Welt, in die ich keinen Einblick hatte. Auch meine Familie war einfach sehr geradlinig, niemand ist aus der Reihe getanzt und ich war eh schon immer ein bisschen anders – lauter und selbstbewusster. So blöd das vielleicht klingen mag, aber auch in Serien und Filmen haben queere Personen damals wenig Platz eingenommen, damit fehlten irgendwie auch Vorbilder. Das ist heute ganz anders. Homosexuell zu sein, war für mich fremd, deshalb hat es, glaube ich, gedauert, bis ich selbst bereit war, dazu zu stehen. Aber natürlich wusste ich in meinem Herzen, dass meine Mama niemals ein Problem damit haben würde. Deswegen war auch ihre Antwort die beste überhaupt: "Ich liebe dich, egal wen du liebst".

Diskriminierung findet leider noch statt

Alicia: Das ergibt schon Sinn, was du sagst. Ich glaube, dass es heute für mich leichter war, weil Queersein auch in den Medien deutlich präsenter ist. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden heute nicht mehr nur in spezifisch queeren Filmen und Serien gezeigt, sondern eben auch in den Mainstream-Medien. Das macht schon einen Unterschied. Da finde ich es eigentlich noch krasser, dass sich manche Menschen immer noch daran stören, wen andere Menschen lieben, und dann bewusst diskriminierend werden. Wie neulich in Erlangen, als wir von einer Frau als "widerliche Weiber" beschimpft wurden.

Vanessa: Das war für mich tatsächlich ein richtig heftiger Moment, in dem ich sprachlos war, was nicht oft vorkommt. Es stimmt zwar, dass sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan hat, aber ich bin noch nie so von Fremden angegangen worden. Das hab ich wirklich als diskriminierend empfunden und mir tut’s für dich noch mehr leid, weil du eben so mutig warst und bist und dich so schnell deiner Sexualität und dem Ausleben stellen konntest. Und dann passiert so etwas. Genauso wie der Typ vor ein paar Tagen, der uns vollkommen aus dem Nichts gefragt hat, ob wir daheim eigentlich dann "die Schere" machen . . .

Absurde Vorstellungen vom Queersein

Alicia: Ja, das war auch unmöglich. Manche Menschen haben offenbar noch absurde Vorstellungen vom Queersein, die nichts mit der Realität zu tun haben. Eigentlich erstaunlich, dass du solche Angriffe vor unserer Beziehung noch nicht erlebt hast. Aber warum kommt heute so etwas noch vor, obwohl die Gesellschaft doch grundsätzlich toleranter ist? Vielleicht deshalb: Durch die wachsende Offenheit fühlen sich Einzelne, die ein Problem mit queeren Menschen haben, unnötigerweise unter Druck gesetzt, und zwar so sehr, dass sie dann erst recht diskriminierend werden. Dabei könnte ihnen das doch egal sein.

Vanessa: Wahrscheinlich ist es tatsächlich so. Es hat sich zwar viel getan, aber wir sind noch lange nicht soweit, dass Queersein gesellschaftlich vollkommen normal ist. Es wäre so schön, wenn sich niemand überhaupt noch outen müsste. Noch ist es aber notwendig.


Die Initiative queerer Medienschaffender "Queer Media Society” hat sich das Credo gesetzt: "Wenn wir frei sein wollen, müssen wir aufhören uns zu verstecken”. Deshalb ist ein Coming-Out auch im Jahr 2022 wichtig. Laut einer von Ipsos durchgeführten Studie bezeichneten sich 2021 elf Prozent der in Deutschland lebenden Menschen als lesbisch, schwul, bisexuell, pan-/omnisexuell, asexuell oder etwas anderes als heterosexuell. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher sein.

Vanessa Neuß